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Ach! - Ein Kleist-Porträt im Köln, Schauspiel

Kaleidoskop einer zerrissenen Seele

Wenige Dichter haben es geschafft, mit ihren Werken auch viele Jahre nach ihrem Ableben noch von so präziser und allgemeingültiger Prägnanz und Relevanz zu sein, wie Heinrich von Kleist. Zu seinen Lebzeiten schienen das allerdings nur die wenigsten erkannt zu haben, was unweigerlich zu Öl im Feuer seiner tragischen Biographie wurde.

Als Sohn eines Offiziers wurde Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist 1777 in eine Zeit voller bewaffneter Konflikte geboren. Durch die militärische Affinität seiner Familie trat auch der junge Kleist in die Fußstapfen vergangener Generationen und erlebte als Soldat sowohl Schlachten im Koalitionskrieg gegen Frankreich, als auch später während der Napoleonischen Kriege. Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen wandte sich Kleist vom Soldatentum ab, das ihm mit der Zeit immer fremder und zuwider wurde. Unsicher, welchen Weg er stattdessen einschlagen sollte, begann er zu studieren, aber auch darin fand er keine Befriedigung. Erst die Erkenntnis seiner Affinität zu Kunst und Sprache sollte sich als zufriedenstellender Weg für die Ambitionen des jungen Dichters herausstellen. Und so schrieb Kleist einige der bedeutendsten Werke der deutschen, aber auch der Weltliteratur. Die heutige Anerkennung seines Genies kam für ihn leider zu spät; zu Lebzeiten hatte Kleist kaum Erfolg mit seinen Werken. Sowohl seine Dramen, als auch seine Novellen und Erzählungen stießen auf großes Unverständnis. Zerrissen zwischen Misserfolg, Verständnislosigkeit, Idealen und diversen Schicksalsschlägen, nahm sich der Dichter tragischerweise mit gerade mal 34 Jahren, zusammen mit seiner guten, aber schwer kranken Freundin Adolphine Sophie Henriette Vogel, das Leben und hinterließ mit seinen wenigen Werken ein monumentales Vermächtnis, das bis heute noch immer in Sprachgewalt, Konzeption und Bedeutung seinesgleichen sucht.

Neben seinen Werken hinterließ Kleist auch eine Vielzahl von Briefen, die selbst so kunstvoll, tiefgründig und ausdrucksstark sind, dass man sie ebenfalls unweigerlich zu seinem künstlerischen Schaffen zählen muss. Auch Schauspieler Jonas Dumke scheint dies erkannt zu haben und entwickelte am Ende seines Schauspielstudiums in Bern den Soloabend Ach! - Ein Kleist-Porträt. Zusammen mit Regisseur Lukas Bangerter wurden dafür neben den Werken Kleists, auch die zahlreichen Briefe u.a. an seine Schwester Ulrike, seine Geliebte und zwischenzeitlich verlobte Wilhelmine von Zenge und andere Personen aus seinem Leben gesichtet. Dabei gelingt es den beiden, ein wunderbar berührendes und tiefgreifendes Destillat der verarbeiteten Medien zu kreieren, welches vor der Premiere im Schauspiel Köln bereits an einigen anderen Theatern und Festivals gastierte und sogar mehrfach ausgezeichnet wurde.

Beginnend mit einem nur sporadisch artikulierten Wortstaccato steigert sich Dumke in ein Sprachgewitter und spielt sich von Anfang an in Ekstase. Einen Zustand, den er den ganzen Abend zu halten weiß und indes nicht nur Kleist selbst, sondern auch dessen Gesprächspartner oder Figuren aus seinen Werken verkörpert. Dabei glänzt Dumke nicht nur wegen seines subtil nuancierten und facettenreichen Spiels, sondern auch wegen des beeindruckend kreativen und betonten Einsatzes seiner Stimme. Vordergründig ist fortwährend das deutlich spürbare Herzblut und die prägnante Spielfreude, die auf das Publikum beinahe ansteckend wirkt.

Bangerters und Dumkes Inszenierung beweist hervorragend, dass es nicht viel braucht, um gelungenes Theater zu schaffen - ein Ball, ein Hocker, eine Pistole, ein schlichtes Kostüm und ein bewegender Text reichen als Mittel vollkommen aus. Der Fokus liegt deutlich auf Sprache und dem Inhalt Kleists; klug kuratierte Textausschnitte eröffnen dabei einen schlüssigen und tief emotionalen Einblick in die Psyche des Dichters. Besondere Wirkung entfalten die Fragmente allerdings erst dann, wenn einem Kleists Biographie und die entsprechenden Kontexte der Ausschnitte bekannt sind. Zum Verständnis der Inszenierung sind diese Informationen allerdings nicht zwingend notwendig. Der Abend funktioniert auch deshalb ganz ohne Vorkenntnisse, weil er insbesondere die allgemein emotionale Ebene hervorhebt. Auch wenn gelegentlich Stationen aus Kleists Leben skizziert werden, legen die vorgetragenen Texte eher dessen Gemütszustand, Ideale, Regungen und Zerrissenheit offen, ohne Kleist auf romantische Art zu überhöhen. Im Gegenteil, mal (selbst-)kritisch, mal ironisch und mal überspitzt beleuchten Bangerter und Dumke in gerade mal 80 Minuten reflektiert verschiedenste Facetten einer der komplexesten Persönlichkeiten der Kunst- bzw. Literaturgeschichte und sorgen so für ein authentisches und ergreifendes Bild des tragischen Dichters.

Trotz der überwiegenden Schwere und Wehmut des Vorgetragenen ist der Abend in keinster Weise übermäßig düster oder deprimierend. Mit subtilen Mitteln und klug ineinander verwobenen Textteilen entsteht ein charmant unterhaltsames Porträt, das biografisch zwar eher wenig informiert, dafür aber die komplexere emotionale und psychologische Ebene Kleists zeichnet. Jonas Dumke bei diesem Monolog zuzusehen ist eine große Freude, er spielt phänomenal und sorgt mit viel Respekt und spürbarem Herzblut für einen ehrenvollen Nachhall des großen Heinrich von Kleist.