Übrigens …

Das eingebildete Tier / Ein anderes Blau im Mülheim, Theater an der Ruhr

Blau die Anarchie, rosa die Sehnsucht

Wie geht man ran an einen solchen Abend, wenn man ihn rezensieren soll? Zuhören, lachen, sich zurücklehnen und die Absurditäten genießen - das ist auf jeden Fall gutes Rezept. Und siehe da, Valère Novarina hat den richtigen Rat für den Theaterkritiker auf Lager: „Ich schreibe, was ich noch nicht denke“, sagt … ich glaube, Dagmar Geppert war’s, so genau kann man die komplett gleich gekleideten neun der zehn Schauspielerinnen und Schauspieler nicht voneinander unterscheiden. „Wahre Höllen-Mixer von Auseinandersetzungen“ seien Novarinas Texte, schreibt das Mülheimer Theater an der Ruhr in seiner Vorankündigung und trifft den Nagel auf den Kopf. Man möchte gern mal Mäuschen spielen in französischen Schulen, in denen angeblich über Texte von Valère Novarina diskutiert wird: Dort steht allerdings eher nicht „L’Animal imaginaire“ auf dem Lehrplan, das erst im September 2020 am Théâtre La Colline in Paris zur Uraufführung kam, sondern stattdessen Novarinas „Lettre aux acteurs“, in Frankreich so ikonisch wie umstritten, in Deutschland mit Ausnahme einer hammerstarken (und hammerkomisch-absurden) Inszenierung von Philip Tiedemann am Düsseldorfer Schauspielhaus im Jahre 2006 nahezu unbekannt. In diesem „Brief an die Schauspieler“ wendet sich der Autor gegen jeglichen Bühnenrealismus. Psychologisch tiefgründiges Spiel sei abzulehnen, der Körper sei nur Klangkörper und habe die Sprache als primäres Werkzeug im Theater zu betonen. Das klingt nach viel Theorie, war aber auch im Düsseldorfer „Brief an die Schauspieler“ schon eine Feier grotesken lautmalerischen Klingklangs. Gleichzeitig sind Novarinas Texte hochartifiziell.

Was also mögen Schülerinnen und Schüler über Novarinas absurde Wortkaskaden herausfinden? Mit Kopf und Intellekt allein kommt man da jedenfalls nicht weiter - vermutlich sind beide eher hinderlich. Ein Sinn für höheren Blödsinn, für Humor und: für Abgründigkeit ist sicher hilfreich; ein Gehör für Sprache, für Klang und - zumindest in Julie Grothgars wundervoll dadaistischer Inszenierung - für den Tanz der Worte. Von Selbsttöter-Sprache ist da die Rede, von Näsel-Hörsal, von Kegelklopferisch. Absurde Stabreime, verrückte Sprachbilder, groteske Worterfindungen wechseln einander ab; manchmal glaubt man Zitate aus literarischen … naja, Vorbildern kann man wohl kaum sagen, also aus anderen Werken etwas ernsthafter anmutender Literatur zu entdecken. Auch das Vaterunser wird mal - ohne jede Blasphemie und Bösartigkeit - fäkaltheoretisch umgedichtet, und dazu erklingt ein elektronischer Sound, der mit einer Kirchenglocke nur noch den Rhythmus gemein hat.

Keine Sorge: Es gibt ab und zu auch harmonische Klassik, Mozart oder so. Zu solch einem Sound klettert dann eine bärtige Frau auf einer Leiter herunter, heraus aus dem silbernen Rohr, aus dem die meisten Auftritte erfolgen. Auf der Bühne lässt sie sich ein Fahrrad reichen. Schüttelreime werden zitiert („Nach Kleister roch der Dotterrahm / vom Meisterkoch aus Rotterdam“). Aber wiederholt wird es auch verdammt düster in all der Lustigkeit: „Meine Damen und Herren, soeben wurde ich geboren“, annonciert einer der Schauspieler: „Ich gehe raus und hole Hilfe.“ Solchermaßen nachdenklich machende Sentenzen gibt es immer wieder. Man wird angeregt zur Reflexion über verborgenen Sinngehalt: Schließlich haben wir es mit einem „Menschheits-Spektakel“ zu tun, in dem auch die Absurdität unseres Daseins zur Sprache kommt. Dennoch ergänzen sich zwei hintereinander gesprochene Sätze selten zu einer Gedankenkette. Schließlich haben wir es, wie uns das Schauspieler-Team belehrt, mit monopatriden Exkarnikern und Loswerfern aus Nord-Holstein zu tun, die sich von abrupt gerupften Robel-Hühnern nach Burgundidel Art ernähren. Was will man da erwarten?

Unendlichen Spaß jedenfalls - und großes Rätselraten an einem außergewöhnlichen Theaterabend, an dem - wie im „Brief an die Schauspieler“ gefordert - der Klang im Vordergrund steht, die ungeheure Kreativität der Sprache, die nie Gedachtes, nie Gehörtes und nie Gesehenes zum Ausdruck bringen kann. Mit der man halt schreiben kann, was man noch nicht denkt…

Alle Schauspielerinnen und Schauspieler sind in gleichartige, groteske Kostüme gekleidet, mit Faltenrock, neckischen Hütchen, riesigen Stehkragen und gleichermaßen gelockten, halblangen Haaren - alle und alles in monochromem Blau. Nur Lea Reihl fällt einmal auf, mit tollem Röschen-Rüschen-Rock. „Jedes Denken, das nicht getanzt wird, ist eine Fälschung“, heißt es einmal, und so bebildern die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre sprachlichen Erfindungen mit akrobatischen Moves, mit originellen Tanzbewegungen, Kopfruckel-Choreografien oder einem Liege-Ballett. Fabio Menéndez setzt schließlich mit einem grandiosen, fast halbstündigen Monolog, der vor allem aus Vornamen besteht, den Schlusspunkt unter einen außergewöhnlichen, unvergesslichen Theaterabend. Er trägt vor aus einem angeblich selbst geschriebenen „Roman“, der das ungeheure Durcheinander der Welt aufzeigt - beim Partygespräch, aber auch im Leben. Dann ist die Zeit vorbei, die diese Aufführung in Anspruch nimmt. Vor diesem Punkt hatte das Ensemble zuvor gewarnt, denn: „Die Zeit ist gefährlich, genau wie jedes Wort. Denn dahinter wartet die Stille auf euch.“

Tut sie aber nicht - jedenfalls nicht, wenn man den Abend als „Double Bill“ gebucht hat. Dann wartet noch eine Stückentwicklung des Theaters an der Ruhr auf uns, gedacht als komplementäre „Zwillingsaufführung“ zu Novarinas eingebildetem Tier. „Anarchie und Sehnsucht“ heißt die Überschrift der Doppelvorstellung, die im Theater an der Ruhr während der ersten Wochen von einem festivalartigen Arrangement aus verschiedenen Kunstwerken, Videoinstallationen und Klangskulpturen begleitet wird. Novarina erkundet das Abenteuer Sprache - anarchisch, mit wilden Wortkaskaden, beeindruckender Sprachakrobatik und ganz in monochromes Blau gekleideten Figuren. Ein anderes Blau zeigt der zweite Teil des Abends, nicht nur weil die Figuren diesmal in rosa gekleidet sind (in hautengem Latex mit wippendem Röckchen überm Hintern). Es ist die blaue Blume der Romantik, die da duftet; sie siedelt sich zwar nicht „jenseits der Sprache“ an, wie das Theater behauptet, aber sie kommt in weiten Teilen ohne Sprache aus. Inspiriert sei die Stückentwicklung von Novalis‘ Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, sagt das Theater an der Ruhr, dem das Symbol der blauen Blume ja entstammt. Die Einheit von Natur und Mensch mag also in der Inszenierung eine Rolle spielen, und sicher tun es - wie in der Romantik üblich - Lieder, Träume, märchenhafte Motive. Herrschte im ersten Teil des Abends die Anarchie der Sprache und des Denkens, so ist es im zweiten die Sehnsucht - und die Verzweiflung.

Wer könnte beides gemeinsam besser verkörpern als unser aller Sissi? Im ersten Bild taucht Lea Reihl als Elisabeth von Österreich auf und berichtet - teilweise mit blecherner Computerstimme - von ihrem Wunsch, ihre „Seele könnte durch eine kleine Öffnung meines (ihres) Herzens in den Himmel fliegen“. Exakt so fällt sie kurze Zeit später dem Attentäter Luigi Lucheni zum Opfer, der ihr mit einer Feile einen winzig kleinen Stich ins Herz versetzt. Man ahnt also. Es sind die dunklen Seiten der Sehnsucht, die im „anderen Blau“ thematisiert werden - mit einer anderen Regisseurin, aber im gleichen Bühnenbild und mit dem gleichen Ensemble und ähnlichen darstellerischen Mitteln wie beim „eingebildeten Tier“. Bilder statt Sprachbilder folgen aufeinander, zärtliche Bilder, Bilder von Wassernixen, mal harmonisch zum Reigen sich formierend, mal offenbar den Freitod suchend, Bilder von Abschied und Anschmiegsamkeit, Einsamkeit und kollektiver Choreografie. Da wechseln Gesten der Zuneigung sich ab mit Kampfbewegungen, Bilder der Liebe mit denen von Leben und Tod. Man denkt an Gottfried Kellers „Seemärchen“, in dem die Nixe dem Fischer im Liebesreigen „das Rot vom Munde“ küsst und den Toten dann fallen lässt, um sich ein neues Opfer zu suchen. Philipp Plessmann kreuzt mit hoch erhobenem Messer energisch die Bühne und erinnert noch einmal an Luigi Lucheni; Kara Schröder steht als Apfel essende Eva am Bühnenrand; es gibt Clowns-Nummern und Todessehnsüchte, Workouts bis zur völligen Erschöpfung, Fliegeralarm und akustische Bombeneinschläge. Die Romantik kippt in die Bedrohung; eine Figur robbt über die Bühne, um einen offenbar Sterbenden zu retten; andere bleiben unberührt - so zeigt die Inszenierung auch Bilder alternativen Handelns, ohne moralisch zu werden.

Aus Verzweiflung entsteht Mut. Und daraus entsteht Utopie“ heißt es einmal. Man mag es nach den zunehmend düsteren Bildern kaum glauben, aber tatsächlich steht das Wort „Utopie“ auf dem Deckel von Lea Reihls Handtäschchen geschrieben. Möge sie herausholen, was drin ist, denkt man. Doch sie spuckt Blut.