Übrigens …

Staubfrau im Oberhausen, Theater

Nicht mehr als Staub ist all das hier

Im Dämmerlicht ist eine hochgebockte quadratische Bühne zu erkennen, darunter ein zweites quadratisches Wasserbecken: hier der Fluss. Am Bühnenhimmel wiederholt eine Lichtröhre das Quadrat, in der Mitte ein kleines, aus dem dunkle Kräuter nach unten wachsen.

Schwarze Wände, außer einem Mikro keine Requisite. Leise Musik aus dem Off. Schattenhaft bewegen sich drei Figuren auf der blitzblanken Bühnenfläche, bei aufscheinendem Licht als Frauen zu erkennen, alle in bodenlangen, schwarzen Volantröcken und glänzenden Steppjäckchen mit opulenten Puffärmeln - eine starke, zeitlose Aufmachung (Bühne und Kostüme Franziska Isensee).

Eine von ihnen setzt sich noch im Dunklen vorne an die Bühnenkante über dem Wasser und spricht in Satzfetzen von grausigen, unter den Wellen des Flusses verborgenen, dort bewahrten Heimlichkeiten; während eine andere spitze Scherben auf dem Boden sortiert. Möglicherweise „Scherben jahrhundertealter Ungerechtigkeiten“.

Im Hellerwerden erkennt man in den drei Frauen drei Generationen: Großmutter, Mutter und Tochter, ergreifend dargestellt von drei grandiosen Schauspielerinnen: Anna Polke, Susanne Burkhard und Stella Goritzki. Obwohl die Autorin Maria Milisavljevic in einer Vorbemerkung zu ihrem zentriert geschriebenem, höchst poetischen Langgedicht ausdrücklich darauf verweist, dass der Text nicht einzelnen Personen zugeordnet ist, gelingt es den Darstellerinnen, den Text in ergreifende Gestalten zu verwandeln.

Es dauert nicht lange bis die Drohung im Raum steht: „Morgen werde ich dich töten!“ „Es ist ein Mund. Nur ein Mund, der diese Worte sagt.“ Zweifellos der Mund einer „patriarchal geprägten, männlich sozialisierten Person“. Auf der Bühne von drei Frauen zitiert. Ein vom Mann angekündigter Femizid – vierundzwanzig Stunden vor der Tat. Drastisch dargestellt auf dem Plakat, mit dem das Stück beworben wird und im Programmheft: Ein Männermaul, in dem blutrot ein Frauenkopf verschwindet.

Das Stück führt durch die vierundzwanzig Stunden, gibt die Zeitabschnitte an: der Morgen, noch 18 Stunden; der Mittag, noch 12 Stunden; der Nachmittag, noch 6 Stunden; der Abend. Um 21:54 Uhr geschieht es: „Mein Leben zerfällt zu Staub“. Der Mord wird benannt: Eifersuchtsdrama, Beziehungstat, Verbrechen aus Leidenschaft. Strafmaß: 3 Jahre. („Wenn die Trennung vom Tatopfer ausgeht, …entfallen die Mordmerkmale.“ Beschluss des Bundesgerichtshofes 2008).

In diesem Zeitraum von 24 Stunden sammeln sich Geschichten über Generationen hinweg, Geschichten von Frauen, ausgeliefert Bevormundung, Erniedrigung, verbaler, psychischer und physischer Gewalt. Die Frau als Opfer patriarchaler Strukturen wird zum Thema des Abends. Ausgeliefert an häusliche Gewalt, sexuellen Missbrauch, aber auch an die erdrückenden Abläufe des Care-Giver-Daseins. Was tun gegen die patriarchale Übermacht? Selbstzweifel kommen auf. Auswege werden gesucht. Unter dem Kräuterbeet werden von den Frauen Giftmischungen und ihre Wirkungen diskutiert: Lektion 1: Petersilienwurzel nach der Blüte; Lektion 2: Eisenhutwurzel; Lektion 3: Knollenblätterpilz. Mit einem Giftmord dem angekündigten Femizid zuvorkommen? Oder mildert es die eigene Not, an größeres Leid der Frauen in Afghanistan oder dem Iran zu erinnern? Ein Selbstmordversuch mit Schlaftabletten schlägt fehl.

Es bleibt die Trennung. „Ich gehe. Ich werde dich verlassen.“ Dazu kommt es nicht. Es ist 21:54 Uhr. Der angekündigte Femizid. (Anmerkung der Autorin zur Gewalt: „Schläge, Tritte, Kriege sind nicht sichtbar, nur ihre Wirkung auf die Körper“.)

All dieser Kummer, diese Verzweiflung, diese Verbrechen sammeln sich auf dem Grund des Flusses, des endlosen Stromes durch Länder und Zeiten. Doch dann reicht es. „Der Fluss tritt über die Ufer“. Ein riesiges Krokodil wird aufgebaut, mag es als überwundenes Höllenmaul oder als Metapher für einen machtvollen Neuanfang dastehen: die Frauen zitieren aus blutroten Listen die Namen und Daten der über hundert Femizide des letzten Jahres - bis jetzt. Opfer im Alter von 17 bis 87 Jahren. Der jüngste Eintrag lautet: „5. Januar 2026, Höchststadt an der Aisch. Ich wurde 69 Jahre alt.“

Es ist nicht nur die schier endlos erscheinende Aufzählung von Morden, die uns betroffen zurücklässt. Auch die Wucht des vorangegangenen kunstvollen Textes und die Stärke der Spielerinnen, die bei aller Verwobenheit von Zeiten, Figuren und Texten so starke Bilder schaffen, ergreifen und überzeugen. Verstärkt wird der Eindruck noch durch behutsam untermalende Musik, stimmungsvolle Lichtregie und wiederholte Momente der Stille.

Allerdings braucht es besondere Aufmerksamkeit bei den immer wieder von den Frauen eingesprochenen, bösartigen und anmaßenden Äußerungen der „patriarchal geprägten, männlich sozialisierten Personen“. Im Text sind diese Zitate kursiv gedruckt, die Inszenierung von Nele Schillo gibt da keine Hilfe. Es bleiben nur Ton und Stil dieser oft vulgär-banalen Einschübe in die sonst so präzise Sprache - als Hinweis über den Inhalt hinaus. Maria Milisavljevic gewann für das Stück Staubfrau bei den Mülheimer Theatertagen 2025 sowohl den Dramatikpreis der Jury als auch den Publikumspreis.