Formen und Vögel
“Wir brauchen langsam neue Formen!”, so der Wunsch des angehenden Regisseurs und Schriftstellers Konstantin, genannt Kostja. Heute erfindet sich das Theater stetig neu und es ist kaum noch möglich “alte Formen” oder überhaupt konstante Bewegungen auszumachen. Ob Kostja diese Entwicklung gefallen hätte? Schließlich wollte er doch mit seinem selbstgeschriebenen Stück das Theater und die Schauspielerei revolutionieren und in erster Linie auch seine Mutter, eine berühmte Schauspielerin, überzeugen. Diese verreißt sein Stück hingegen, bricht die Vorstellung ab und prahlt mit ihrem neuen Freund Boris, der als Autor im Gegensatz zu Kostja große Erfolge feiert. Zusätzlich erschwerend für Kostja, fühlt sich auch noch seine Geliebte, die angehende Schauspielerin Nina, immer stärker zu Boris hingezogen und entfernt sich zunehmend von ihm.
Anton Tschechows Die Möwe klingt zunächst nach einem klassischen Drama, dabei klassifizierte Tschechow selbst sein Stück ausdrücklich als Komödie. 1895 geschrieben und 1896 in St. Petersburg uraufgeführt, feierte das Stück zunächst keinen Erfolg. Erst zwei Jahre später, mit der Inszenierung des Künstlerduos Konstantin Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko, die ironischerweise selbst als Theater- und Schauspielreformer galten, wurde Tschechows Werk zum großem Erfolg.
Trotz der von Tschechow beklagten "Rührseligkeit", mit der seine Stücke aufgeladen wurden, ist eine emotionale und ernste Lesart kaum von der Hand zu weisen. Eine solche findet sich auch primär in Sascha Hawemanns Inszenierung am Theater Bonn. Hawemann betont das Werk gezielt nicht komödiantisch, vertraut hingegen auf die inhärente Komik der Figuren. Dabei verändert er diese dahingehend, dass er aus Kostjas Mutter Irina den Vater Pawel macht und aus dem Schriftsteller Boris die Schriftstellerin Alexandra. Hawemann eröffnet damit ganz neue Beziehungsdynamiken zwischen Vater-Sohn Konflikten auf der einen Seite und dem Interesse einer angehenden Künstlerin zu einer Schriftstellerin - und damit bereits erfolgreichen Frau in der Kunstwelt - auf der anderen. Auch der Arzt Dorn, der sich als einziger vehement für Kostja und sein Schaffen einsetzt, tritt stark bearbeitet in Erscheinung und entwickelt sich nach und nach zum Alter Ego für Tschechow. Mit kaum merkbar eingearbeiteten Ausschnitten aus Tschechows Briefen, verschmilzt die Figur mit ihren Konflikten über Kunst, Anerkennung und Scheitern zunehmend mit Tschechows ganz persönlicher Misere.
Mit Hawemanns psychologischem Fokus entwickelt sich nicht nur Kostja als vermeintlicher Mittelpunkt der Handlung, auch die restlichen Figuren durchlaufen alle ganz eigene Entwicklungen und entfernen sich so einer eindimensional protagonistischen Darstellungsweise. Nina, gespielt von Imke Siebert, tritt zunächst laut und schrill auf, sieht sich dann aber doch mit ihrer idealisierten Sicht auf die Kunstwelt konfrontiert und findet weder großen Erfolg als Schauspielerin, noch in ihren Beziehungen zu Kostja oder Alexandra. Alexandra scheint hingegen ihrem Schaffensdruck, den sie als “Neurose” betitelt, vollkommen zu erliegen. Ursula Grossenbacher mimt sie als anfänglich ruhiges, dann aber nahezu abgestumpftes Abbild einer großen Autorin. Alois Reinhardt spielt Kostjas Vater Pawel hingegen als schmierigen Macho mit Allüren einer längst nicht mehr relevanten Theater-Diva. Schnell wird klar, dass seine sehr körperliche und flapsige Art primär dazu dient, die eigenen Unsicherheiten zu kaschieren. Sichtlich belastet ihn das Interesse seiner Freundin an einer sehr viel jüngeren Person und ausgerechnet auch noch einer Frau. In seinem Sohn scheint er hingegen eher Konkurrenz zu sehen; während einer Videoeinspielung, die zunächst wie eine nette Partie Squash zwischen Vater und Sohn wirkt, wird nach einigen Schlägen deutlich, dass Kostja seinem Vater nicht gewachsen ist. “Du spielst genauso schlecht Squash, wie du Stücke schreibst.” besiegelt Pawel das Match und gibt Kostja nicht nur bei diesem sportlichen Geplänkel keine Chance, sondern auch, was sein künstlerisches Schaffen anbetrifft. Auch sonst nutzt er jeden Moment, um Kostja klein zu halten und sich über ihn zu erheben, nur um schlussendlich völlig allein zu enden. Allein endet auch Kostjas einziger Unterstützer Dorn, gespielt von Christian Kuchenbuch. Nicht nur unterliegt er am Ende seinem eigenen künstlerischen Anspruch, sondern auch der Einsamkeit und seiner Krankheit. Indes entfesselt Riccardo Ferreira Kostjas Frustration und Wunsch nach Anerkennung zunächst in aufgedrehter Wut, die dann aber in konsternierte Stille abebbt. In einem letzten Kraftakt reißt Kostja am Ende alle Vorhänge aus Alexander Wolfs Bühne zu Boden und kommentiert: "Die Vorhänge sehen aus wie Leichentücher.”, nur um später nach seinem Suizid selbst in einem solchen zu enden.
Bei solcher Tragik kann nur schwer an eine Komödie gedacht werden und dennoch wirkt die Inszenierung zu keinem Zeitpunkt übermäßig deprimierend. Insbesondere durch die feinfühlige Figurenarbeit sind die Gespräche über Kunst, Reformen und Anerkennung nicht nur noch immer relevant, sondern auch hoch authentisch. Ungeschönt bietet Regisseur Sascha Hawemann die schweren Schicksale dar, ohne zu steif oder ernst zu wirken. Im Gegenteil, während Kostjas selbst geschriebenen Stückes, parodiert er auf charmante Weise Klischees zeitgenössischen Theaters - die darstellenden tragen schwarze Hosen und schwarze Rollkragenpullover, das Licht ist stark gedimmt und der Einsatz von Kunstnebel übertrieben, alles wird untermalt von viel zu lauter Technomusik, die eher an einen Rave, als an ein Theaterstück erinnert und der spärlich aufgeführte Text wird primär durch Geschrei verbalisiert. Mit diesem immer wieder durchscheinenden Maß an Selbstironie und Leichtigkeit setzt Hawemann die Schwere der Handlung in einen angemessenen Rahmen, der die Bedeutsamkeit der Inhalte des Werks mit fein dosierter Unterhaltung balanciert.
Die Inszenierung am Theater Bonn zeigt Mut zur Ernsthaftigkeit und verfällt nicht der Verführung des Genres. Es gelingt Hawemann mit subtilen Mitteln und präziser Figurenarbeit die Essenz des Werks unaufgeregt, aber dennoch unterhaltsam zu veranschaulichen. Die Umschreibung einzelner Figuren wirkt unaufdringlich und betont durch veränderte Dynamiken die entsprechenden Schicksale auf besondere Weise. Sascha Hawemanns Inszenierung erschließt Tschechows Werk damit auch über 100 Jahre nach seiner Entstehung, ohne auch nur geringfügig an Authentizität einzubüßen - den neuen Formen sei Dank!