Die Ernte eines gar nicht so kargen Ackers
Es geht tief runter ins „Unterhaus“ des Schauspielhauses, durch schmale Gänge zur Spielstätte. Laut Textbuch erwartet uns dort ein Fitnessstudio, „die Wände komplett mit Spiegeln verkleidet“, voll aufwendiger Fitnessgeräte. Doch was wir im Halbdunkel erkennen, ist eine verrußte Hütte: die Wände grau verschmiert, der holprige Boden staubbedeckt, darauf ein paar Felsbrocken und ein Sack, alles düster.
Eine junge Frau tritt auf, behauptet, dass es sich hier um eine „Arbeitsmaßnahme“ des Jobcenters handle, bei der das Fitnessstudio „Dog-Pound“ zu putzen sei. Dann schlüpft sie in eine Arbeitsjacke und erklärt sich zur „Nachtwächterin“, die die Betroffene der Maßnahme, genannt Cennet, zu observieren habe. Ganz in Weiß erscheint die, eine kräftige End-Fünfzigerin, die wünscht, allein gelassen zu werden, was die Wächterin akzeptiert, jedoch die Tür hinter sich verschließt. Nur ab und an wird sie noch mit quälenden, übergriffigen Fragen per Lautsprecher ins Geschehen eingreifen.
Eine grandiose Idee der Bühnenbildnerin Aliki Anagnostakis, den klaustrophobischen Raum nicht als glitzerndes Studio, sondern trist, karg und dreckig als öden Seelen-Acker der Protagonistin darzustellen. Dorthin nehmen uns die beiden bravourösen Schauspielerinnen, Özlenim Meier (als Mutter Cennet) und Blanka Winkler (in wechselnden Rollen) für gut hundert Minuten mit.
In einer rauen, alltäglichen und doch poetischen Sprache stellt die Autorin Duygu Agal uns in ihrem kraftvollem Theaterdebüt eine altgewordene türkische Gastarbeiterin vor, die vor vierzig Jahren als Teenager nach Deutschland kam und dort mit „Arbeit bar auf die Kralle“ - ohne Berufsabschluss - in der Mutterschaft, im Gebrauchtwerden, ihren Lebenssinn fand. Zeit zu träumen blieb da nicht. Jetzt sind die Kinder - drei Söhne und eine Tochter - erwachsen, sie leben ihr eigenes Leben, das sie der Mutter entfremdet. Doch findet sie hier und jetzt Raum und Zeit, sich nicht an der „Arbeitsmaßnahme“, sondern an sich selbst abzuarbeiten. Wenn sie dabei auch zunächst davon ausgeht, die ihr so wichtige Mutterschaft „verkackt“ zu haben, so gibt die Autorin ihr in diesem Kraftraum die Chance, in einer dramatischen „Selbsterzählung“ einiges zurechtzurücken und dabei sehnsuchtsvoll mit der heißgeliebten, verloren geglaubten Tochter Devin ins Gespräch zu kommen. Während Cennet sich zunächst als „unbeschreibliches Neutrum, völlig uninteressant, unfickbar und ausgemustert“ empfindet, erfährt sie in der „Fremderzählung“ ihrer Tochter, einer gebildeten, queeren, selbstbewussten jungen Frau, von der Bedeutsamkeit, der Wucht und Schönheit ihres Mutterseins, das die emanzipierten Devin bewundert und literarisch verarbeitet.
Die Männer kommen in dieser Geschichte nur per Telefon als Verzehrer des bereitgestellten Essens vor. Bis auf eine nachgespielte Szene, in der Cennet vom Zuhälter-Job ihres Ältesten erfährt und mit dem Besenstiel auf ihn losgeht.
Am Ende ist der Raum so schmutzig wie zuvor, Cennet allerdings, die manche Szene auf dem staubigen Boden und dem Geröll zugebracht hat, steht im aschverschmutzten Anzug mitten auf der Bühne und stimmt kraftvoll auf Türkisch den Song „Misket“ von Derya Yildirim & Grup Simseks an, der aus dem Off zugespielt wird.
Jetzt stehen die beiden Frauen ganz dicht voreinander, schauen sich liebevoll an. Ihre ganz eigene Liebe erklärte Cennet schon anfangs in einer anrührenden Szene: den Mantel zu einem Bündel zusammengerollt, das sie wie ein Baby wiegt, versichert sie sich selbst: „Im Kümmern, im Gebrauchtwerden, da kannst du immer wer sein. Und irgendwann glaubst du, dass das Liebe ist.“ Aber sie glaubt es nicht nur, sie weiß es, sie fühlt es und spricht es aus. Doch zugleich ist da die „Panik“, die Angst vor dem Verlust.
Langsam befreit sie sich von der Panik. Die Tür öffnet sich und sie wendet sich an die Tochter: „Devin, ich vermache euch meinen Acker. Er ist riesig.“ Doch dann schränkt sie das Vermächtnis ein: „Er ist nicht zu gebrauchen. Auf ihm wächst nichts“. Das glaubt niemand im Saal. Herzlicher Applaus für alle Beteiligten, auch für die anwesende Autorin.