Übrigens …

Richard III. im Köln, Theater im Bauturm

Lustig ist das Töten

Mord, Totschlag und Grausamkeiten sind Elemente, die in der Kunst schon immer tief verankert waren. Naheliegend, schließlich ist “das Böse” wohl einfach eine der zahlreichen Facetten der schlichten Menschlichkeit. Vielleicht ist es gerade das, was das Böse so interessant, so verführerisch und so reizvoll macht.

Was böse Figuren anbetrifft, steht wohl keine Figur so ikonisch hervor wie Shakespeares Richard III. Shakespeare bereitete die verwickelten Konflikte des sogenannten Rosenkriegs zwischen der Familie York und Lancaster in diversen Stücken auf. Eines der erfolgreichsten und bis heute am meisten gespielten Werke ist dabei Richard III., basierend auf der Figur des historischen Herzogs von Gloucester. Shakespeare verfasste das Stück 1593 und damit über 100 Jahre nach den Rosenkriegen, deren Verlauf sichauch heute noch, neben Shakespeares künstlerischer Aufbereitung, wie ein spannender, wenn auch kompliziert verstrickter Krimi liest. Zum Glück ist diese historische Vorkenntnis für Shakespeares Richard III. nicht zwingend notwendig, schließlich tötet Richard ohnehin jeden, der sich ihm in den Weg stellt, egal ob Freund, Feind oder Familie. Hässlich, deformiert, niederträchtig und ungünstigerweise in der Thronfolge ziemlich weit hinten, gibt es für den Herzog von Gloucester nach der Devise “Gewissen ist ein Wort für Feige nur.” lediglich eine Möglichkeit, den Thron zu erklimmen: durch Intrigen und Mord. In seiner Durchtriebenheit tötet Richard nicht nur seine Brüder, sondern auch seine sich noch im Kindesalter befindlichen Neffen und manipuliert darüber hinaus auch sein gesamtes Umfeld. So schafft er es, die Frau seines von ihm getöteten Bruders Edward IV. noch an dessen Grab zu einem Eheversprechen zu zwingen und überzeugt sogar die Bürger, dass ihm das Amt des Königs letztlich zusteht. Der Plan geht auf, wer nicht folgt stirbt, und Richard wird gekrönt. “There’s tremendous poetry in killing.” feiert der neue König, um dann jedoch ohne Gefolge, Verbündete oder Freunde in der Schlacht bei Bosworth Field allein zu fallen.

Ein Stück bekannt für bodenlose Bosheit und exzessive Gewalt, die viele Inszenierungen mit romantisierter Explizität veranschaulichen. Alexander Vaassens Inszenierung am Theater im Bauturm in Köln geht hingegen einen anderen Weg. Wer Shakespeares Tragödien liest und mit der Schwere der darin behandelten Themen konfrontiert wird, verkennt oft, dass auch diese ernsten Stücke vor Humor, Witz und Albernheit strotzen. Vaassen hat dies erkannt und nutzt Shakespeares Charme, um den großen Tyrannen auf besonders bemerkenswerte Art hervorzuheben. Dafür wird Richard von gleich drei Frauen gespielt, die ihn jeweils in ganz eigener Manier betonen. Durch geschicktes Wechseln der Rollen entfaltet sich ein schnelles, aber zugleich facettenreiches Spiel, das nicht nur die Titelfigur, sondern auch alle anderen Akteure in stetig neuem Licht präsentiert. Zuträglich ist dabei auch die effizient verdichtete Textfassung, die die Kernstationen aus Richards blutigem Weg zum Thron wunderbar für das spielende Trio aufbereitet und immer wieder Thomas Braschs bekannte Übersetzung mit dem englischen Original verwebt - ein Trend, der sich mittlerweile häufig beobachten lässt. Regisseur Alexander Vaassen setzt allerdings nicht nur auf die vielschichtige Darstellung Richards durch mehrere Schauspielerinnen, sondern auch auf einen zunächst ungewöhnlichen Faktor: Sympathie für den Tyrannen. Nicole Kersten, Antonia Kalinowski und Stefanie Winner spielen ihren Richard jeweils sehr publikumsnah, weihen alle im Raum sehr vertraut in die grausigen Pläne ein und erregen mit maximaler Transparenz bei der Eröffnung der Motive fast schon Mitleid. Das Publikum wird damit zum stillen Komplizen des Bösewichts und unter anderem mit wissenden Blicken und vertieften Einsichten in die Psyche des Gewaltherrschers belohnt. Beinahe fühlt es sich an, als feuere man einen Freund an, der seine Ziele verfolgt und in die Tat umsetzt. Bei all der Leichtigkeit, Komik und den Witzeleien, vergisst man fast, welchen Gräueltaten man da eigentlich zusieht. Der Plan des Schurken geht damit erneut auf, diesmal ist jedoch das Publikum unwissend zum Opfer geworden.

Die drei Schauspielerinnen ziehen für die Charmeoffensive alle Register. Nicole Kersten mimt ihrem Richard zunächst zurückhaltend, nahezu etwas weinerlich und betont seine perfide Seite durch die unverfrorene Unehrlichkeit mit der er den anderen Figuren begegnet. Antonia Kalinowski zeichnet ihren Richard hingegen mit einer fast paradoxen Weichheit, die die latente Boshaftigkeit der Figur geradezu gewöhnlich und nebensächlich wirken lässt. Dagegen spielt Stefanie Winner Richard als absolutes Ekel. Vollkommen ungefiltert lässt sie mal sarkastisch, mal offen rüde allen innerlichen Impulsen freien Lauf. Für das Publikum ist diese radikale Offenheit der Beweis des unsichtbar geschmiedeten Bandes zwischen Richard und ihm. Eines haben alle Ansätze gemeinsam: sie sind sympathisch, sehr sympathisch. So jemandem kann man doch nicht böse sein - sollte man aber!

Auch in den diversen anderen Rollen überzeugt das Schauspielerinnen-Trio und lässt dabei großes komödiantisches Talent erkennen. Ob als naive Kinder, dusselige Wachen oder schlecht schauspielende Bürger, Lacher sind in jeder Rolle garantiert. Besonders gelungen ist dahingehend die Darstellung des somnolenten amtierenden Königs durch Stefanie Winner. Bei der Komik wird sowohl auf Shakespeares eigenen Witz, als auch auf die kreative Herangehensweise der einzelnen Figuren gesetzt, dahingehend dürfen diese gern auch mal norddeutschen oder Ruhrgebietsregiolekt anwenden und natürlich wird auch Kölsch gesprochen - das kommt beim Kölner Publikum immer besonders gut an.

Ein so heiterer Ansatz scheint bei einem Stück mit so viel Gewalt und Grausamkeit beinahe unangebracht, Alexander Vaassen gelingt es allerdings größtenteils, diese Leichtigkeit treffend mit der Ernsthaftigkeit des Werks zu verbinden. Trotz der primär humorvollen Stimmung, kommen auch die ernsten Elemente des Stücks und die Ästhetik nicht zu kurz. Dahingehend ist insbesondere das Ende außerordentlich gut gelungen; Vaassen schließt den Abend nicht mit dem Niedergang Richards, sondern mit seiner Krönung. Erst der bittere Nachruf der am Boden liegenden Bürger a la: “Oh sel`ge Welt! Oh Bitt`re Welt! Wir lieben dich; du sollst nicht untergehn!” erinnert das Publikum, dass der sympathische Tyrann eigentlich nicht hätte gewinnen sollen. Dass man ihn nicht hätte unterstützen und nicht auf seiner Seite hätte sein sollen. Jetzt ist es zu spät, das Unheil angerichtet und das Lachen plötzlich im Halse steckengeblieben. Und doch: “Das Böse macht einfach teuflisch böse Spaß!”, Alexander Vaassens Inszenierung am Theater im Bauturm beweist das deutlich.