Die Nibelungen im Theater Münster

Mensch und Mythos

Hebbels großes Epos Die Nibelungen erschien lange Zeit als kontaminiert. Ein Werk um einen deutschen Helden und die Forderung nach der sprichwörtlichen Nibelungentreue, die das faschistische Regime von seinen Soldaten vor Stalingrad forderte.

Dieser Kontamination versuchen Frank Behnke und sein Regieteam schon rein äußerlich entgegen zu wirken. Bernhard Niechotz steckt Siegfrieds Gefolgsleute in blonde Perücken und Fell-Lendenschürze. Hätten sie statt Schwertern noch Keulen getragen, wäre die Karikatur vom Urgermanen perfekt gewesen. Der Held selbst ist gülden gewandet und benimmt sich wie ein kraftstrotzender pubertierender Jüngling, der ganz schnell ganz kleinlaut wird, geht es um das Thema „Liebe“. Garry Fischmann ist herrlich komisch-verwirrt.

Behnke geht es darum, aus Heldengestalten, deren Handeln von großen Gefühlen angetrieben wird, Menschen zu machen mit kleinen und großen Schwächen. Das ist bei einem Drama, dessen Form Typen, nicht Charaktere formt, schwer, wie der Abend zeigt.

Ganz gut gelingt das in den ersten beiden Teilen – besonders bei den Frauenfiguren Kriemhild und Brunhild. Deren Zickenkrieg mit letztlich tödlichem Ausgang auf den Stufen des Wormser Doms gerät zum Höhepunkt von Behnkes Arbeit. Peter Scior baut die passende Kulisse. Aus dem Orchestergraben fährt eine steile Treppe empor und schiebt sich in den Vordergrund der sich nach hinten verjüngenden Bühne. So imposant wie die Treppe, so wortgewaltig und in ihrem Inneren verletzt sind auch die Frauengestalten die sich im wahrsten Sinne bis auf’s Blut dort bekriegen. Die eine – Brunhild – ist in ihrer Seele verletzt, ihrer Freiheit beraubt und an einen ungeliebten Mann gekettet. Kriemhild, rettungslos verliebt in „ihren“ Helden Siegfried, will diesen nicht erniedrigt sehen und sich die Illusion seiner Makellosigkeit nicht zerstören lassen. Sie ist bereit, dafür alle Schwüre zu brechen. Sandra Bezler (Brunhild) und Claudia Hübschmann (Kriemhild) machen alle Gefühlsnuancen auf berührendste Weise erfahrbar.

Da bleiben die Herren der Schöpfung etwas blasser. Sie bleiben bei Behnke doch eher typenhaft. Deren Eigenschaften jedoch werden von ihren Darstellern mit großer Präsenz beglaubigt. Da ist Jonas Riemer als Hagen – stets bedrohlich, zurückhaltend und doch immer wieder die Geschicke in seinem Sinne lenkend. Da ist Janco Lamprecht, ein wunderbar zaudernder Gunther nebst seinem Bruder Giselher, den Joachim Foerster ganz zart-sensibel anlegt.

Christoph Rinke als Volker – Chronist des Geschehens - und Regine Andratschke als der Staatsraison verpflichtete Königinmutter ergänzen das Personal am Burgunderhof.

Im letzten Teil gelingen Behnke einprägsame Bilder – geprägt von imposanter Archaik. Das finale Gemetzel, das niemand überleben wird, findet hinter einem Vorhang statt, aus dem ab und an ein blutüberströmter Kämpfer vor den Tisch purzelt, auf dem Kriemhild sich mit Blut übergießt. Das ist alles stimmig, aber hinter dem Vorhang lugt sie dann leider doch des öfteren hervor – die Nibelungentreue!