Martinus Luther im Theater Münster

Von Standhaftigkeit und Fanatismus

Am Schluss bleibt ihm nur eine ganz kleine Welt: Martin Luther sitzt in seiner klaustrophobisch engen Wohnstube, verbreitet Mordaufrufe gegen den Papst und heißt antisemitische Pogrome gut, während draußen die pragmatische Katharina von Bora Holz hackt und „den Laden am Laufen hält“.

So stellt sich das Ende des Lebens des Reformators dar – zumindest in John von Düffels neuem Stück Martinus Luther, das jetzt, quasi als Auftakt zum Luther-Jahr 2017, am Theater Münster uraufgeführt wurde. Von Düffel breitet darin zwei Lebensabschnitte Martin Luthers aus. Im ersten Teil werden wie in einem Bilderbogen Stationen des jungen Luthers bis hin zum Anschlag der Thesen ausgebreitet – sein Saulus/Paulus-Erlebnis im Gewitter, die Auseinandersetzung mit dem Vater, Anfechtungen und Diskussionen mit seinem Mentor. Das könnte alles etwas von einer glorifizierenden Heiligen-Vita aus der „ legenda aurea“ haben, erdete von Düffel alle Szenen nicht mittels des einprägsamen thüringischen Zungenschlags, der harte Konsonanten so wunderbar weichspült. Regisseur Max Claessen tut das Seine dazu, indem er alle Widerparte Luthers von der wunderbaren Ulrike Knobloch spielen und singen lässt. Sie ist der Teufel in Gestalt der trachtengewandeten Braut genauso wie der Ablassprediger Johann Tetzel, der als Pastor einer fundamentalistisch-evangelikalen Gemeinde daher kommt. Daniel Rothaug stattet den jungen Luther, seine Versuchungen wie seine Standhaftigkeit mit einer bisweilen penetranten Exaltiertheit aus, die den Fanatismus des alten schon erahnen lassen.

Punkten kann das Regieteam mit der Einführung eines Chores, der die Szenen mit Liedern aus dem evangelischen Gesangbuch teilt, kommentiert und untermalt. Das gibt Ruhe und Struktur. Dennoch: ungleich lebendiger wirkt der zweite Teil, in dem der sehr authentische Gerhard Mohr, frisst, säuft und selbstgefällig Hasstiraden hinausposaunt. Vielleicht weil von Düffel Luther einen jungen Studenten (überflüssigerweise mit einem katholisch-jüdischen Hintergrund ausgestattet) gegenüberstellt, der immer verschüchterter schließlich die Flucht ergreift. Zuletzt fährt Luther – untermalt von Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ – zu seinem Gott.

Martinus Luther ist eine Szenenfolge aus Luthers Leben, die sattsam Bekanntes farbig aufbereitet – getragen von einem klaren Regiekonzept und tollen Schauspielern. Ein gelungener Appetizer für’s Luther-Jahr, den das Publikum mit ganz viel Applaus honorierte.