Bach tanzt im Theater Hagen

Körper im Schwarzlicht

Ballett und Bach – eine scheinbar ewige und „moderne“ Verbindung. Nahezu alle wichtigen Choreographen, die auf die (neo-)klassische Linie bauen, haben zur Barockmusik des Leipziger Thomaskantors tanzen lassen. Worin besteht dieses innere „Geheimnis“, dass Körper im Raum ihre Nähe zu den Strukturen und Lineaturen der so logisch verdichteten Bachschen Kontrapunktik suchen? Weil sie so streng durchdacht ist? Weil sie so dramaturgisch perfekt aufgebaut ist? Weil ihre Dramatik nicht in äußeren Effekten stattfindet? Weil sie einfach „schön“ und „ebenmäßig“ abläuft wie ein präzises Uhrwerk? Weil es neben allen geistigen Vorzügen auch eine sinnliche und emotionale Seite aufschlägt?

Also, es gibt viele Gründe für Tanz-Meister, sich in Bachs Welt heute anzusiedeln. Ricardo Fernando, Hagens populärer brasilianischer Ballettchef, wählt ausschließlich Bach-Werke für seinen neuen Abend, dessen Titel in seiner Schlichtheit kaum zu toppen ist: Bach tanzt. Über zwei Stunden dauert diese ungewöhnliche „abstrakte“ Hommage – und Fernando zieht dabei verschiedene Register. Von der Cello-Suite (Nr. 2 und 5) bis zum Musikalischen Opfer, von den Goldberg-Variationen bis zu Zitaten aus Violin-Solo-Sonaten: Alle Kompositionen werden live gespielt – und die Hagener Solisten überzeugen im vierteiligen Programm durch Ausstrahlung und Kontrolle (kein Widerspruch!), durch klassische Askese und musikantische Kompetenz. Bach „at its best“. Deshalb sollen auch alle solistischen Interpreten genannt werden: Anna-Maria Dafova (Klavier), Mayu Kishima (Violine), Matias de Oliveira Pinto (Cello) – sie alle lieben Johann Sebastian Bach und dessen so klug ausgehörte Suiten-, Fugen- und Ricercare-Symmetrie und –Harmonie. Denn dass diese Musik sich tänzerisch ausloten lässt, liegt an dieser inneren, subtilen und geistigen Struktur. Eingespielte Filmsequenzen doppeln nicht das visuelle Spiel der Compagnie auf der Bühne, sondern verbinden den Alltag (die Pflicht) des Tänzers, der Tänzerin mit der aktuellen Bühnenpräsenz (Kür).

Fernando gelingt außerdem der Spagat zwischen individueller Auslegung (Ansätze von Handlung: ein Paar vor der Trennung…, Körper verschwinden im Schwarzlicht…) und rein „erdachter“ Tanzklassik. Sein choreographisches Repertoire ist nicht entwaffnend oder überraschend. Er folgt schon den vielen vorgefertigten Spuren dieses Genres, aber man nimmt Wiederholungen oder Zitate nur bedingt wahr, weil der Choreograph sie einbettet in einen Dauerfluss der räumlich und ästhetisch ausgezirkelten Bewegungen. Die Augen werden ebenfalls ständig beschäftigt. Und da die Ohren durch die „konzertante“ Begleitung außerdem gut beschäftigt werden, zielt dieses Programm auf fast „alle“ Sinne. Barock wird so von Ricardo Fernando neu gedeutet. Die Beschränkung auf kammermusikalische Besetzung ist übrigens ein geschickter Schachzug. Fernando und sein Ensemble entgehen dadurch einer üppigen orchestralen Verbeugung vor dem Genius aus dem 17. Jahrhundert.

Dennoch wirkt der Abend unterschiedlich und kontrastreich. Mal schickt Fernando nur Männer seines Teams in den karg ausgestatteten Lichtraum, dann verzichtet er (im Schwarzlicht-Zauber) selbst noch auf große Körperkunst – Tanz wird zur magischen Op Art-Show. Für die Bedeutung des gut trainierten, oft sogar geschmeidig-elegant auftrumpfenden Hagener Balletts (wie oft schon wurde über die Schließung der Sparte in dieser Stadt jüngst nachgedacht!) ist dieser Abend der „Tanzminiaturen“ (als Untertitel) eine gute Empfehlung: nämlich „pro Tanz!“