Feine Jade im Dortmund, Oper

Zwischen Poesie und neoklassischer Strenge

„Die Qualität einer Choreografie hat immer mit der Quantität dessen zu tun, was man weggeworfen hat. Man lässt nur stehen, was wirklich nötig ist. Man schleift einen Diamanten“, hat Susanne Linke einmal formuliert. Ähnlich denkt offenbar Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang. Sein zweiteiliges Programm für den neuen Ballettabend nennt er Feine Jade. Nur die richtige Zusammensetzung der Mineralien machen aus dem Gesteinsgemenge den kostbaren, in China seit über 8000 Jahren geschliffenen Edelstein. Ob die Choreografien der beiden gebürtigen Chinesen Edwaard Liang und Xin Peng Wang sich als Juwelen des neoklassischen Ballettrepertoires bewähren werden, wird sich erst nach und nach erweisen. Dass Wangs Dortmunder Kompanie sie jedoch in edler Optik mit Brillanz und Bravour bestens auf den Weg brachte, steht außer Frage.

Es ist nach dem opulenten chinesischen Epos Der Traum der roten Kammer eine vergleichsweise sparsame Inszenierung. Die Musik kommt vom Band. Die Ausstattung ist spartanisch, wenn auch sehr elegant. Als europäische Erstaufführung hat der 37jährige Taiwanese Edwaard Liang, seit Jahren in den USA beheimatet, Immortal beloved einstudiert. Die Liebesgeschichte lebt schon allein durch die bestrickenden Klänge von Philip Glass' oft choreografiertem 1. Violinkonzert. Einsam steht der Mann (Howard Quintero Lopez) im schlichten roten Anzug anfangs mit dem Rücken zum Publikum in einem morbiden Ambiente: drei Kronleuchter liegen am Boden, nur einer hängt noch oben. Schwebend, wie schwimmend, liegen vier barbrüstige Männer um den Einsamen herum. Mit weit ausladenden Gesten und Schritten verleiht der Mann seiner Sehnsucht nach der Geliebten Ausdruck. Frauen gesellen sich zu den Männern. Ein wunderbar geschmeidiges Duett mit komplizierten Hebungen tanzen Arsen Azatyan und Barbara Melo Freire, danach auch Sergio Carecci und Marissa Parzei. Stolz betritt schließlich die „unsterbliche Geliebte“ Monica Fotescu-Uta die Szene, tanzt mit Quintero Lopez einen hochvirtuosen Pas de deux. Immer wieder wechseln die Gruppen von Männern und Frauen mit Paaren - bis zum endgültigen Abschied der beiden Protagonisten nach langer Umarmung. Für den Kubaner Quintero Lopez ist es in seiner dritten Dortmunder Spielzeit der erste große Part. Seine Technik ist fulminant - ein ebenbürtiger Partner für die Primaballerina auch in der folgenden Uraufführung von Wangs Full Moon No Constancy.

Als sehr erfreulicher Neuzugang präsentiert sich in beiden Balletten auch die Kanadierin Marissa Parzei. In Wangs Ballett mit dem rätselhaften Titel (Idee: Christian Baier) ist sie, gehüllt in eine weiße Tüllwolke, der Mond („...wie eine Sterbende.... so erhob im trüben Osten sich der Mond als weißliche Masse ohne Gestalt“). Sie stürzt sich in den Abgrund, wird von Männern aufgefangen, ins Leben zurückgeholt. Immer wieder geistert sie durch den Raum, während die anderen - ohne dass eine Geschichte oder konkrete Figuren erkennbar wären - als großes Ensemble zu den harschen, leidenschaftlichen Rhythmen etwa von Meredith Monk und David Lang tanzen. Ein Kontrastprogramm zwischen Poesie und neoklassischer Strenge.

Das Raum- und Lichtdesign des Norwegers HC Gilje schafft geheimnisvolle, mitunter etwas zu düstere Stimmungen, raffinierte Spiegelungen und Silhouetten. Ex-Tänzerin Rosa Ana Chanza Hernandez kleidet die Damen in aparte knappe, modisch verspielte Variationen von Balanchines „Badeanzügen“. Xin Peng Wang ganz cool und doch romantisch mysteriös - das ist neu. Das hat was.