Terra Brasilis im Theater Hagen

Drei Brasilianer in Hagen

Ricardo Fernando hat sich zum zehnjährigen Jubiläum als Hagener Ballettchef einen langjährigen Traum erfüllt. Er lud drei hochkarätige Choreografen aus seinem Heimatland Brasilien ein - und beschenkt mit dem neuen Tanzabend Terra Brasilis sein Publikum reich. Am Ende der Premiere wollte der Applaus kein Ende nehmen. Über Temperament und Vielseitigkeit der 14-köpfigen Truppe kann man nicht genug staunen.

Die drei Choreografien eint das gewisse Etwas lateinamerikanischen Flairs. Zwar orientieren sich Altmeister Tindaro Silvano, Weltstar Henrique Rodovalho und der experimentierfreudige Luiz Fernando Bongiovanni deutlich an zeitgenössischen europäischen Tanztechniken, durchsetzt von aufreizenden Bauch- und Hüftschwüngen. Aber die charakteristische Mischung aus Traditionen der Indios, Portugiesen und Afrikaner ist vor allem deutlich spürbar in den Habanera- und Samba-Rhythmen, die mit Flöten, Rasseln, Reibinstrumenten, Gitarren und Trommeln sehr authentisch klingen.

Einen unterhaltsamen, bunt beschwingten Auftakt bietet Tindaro Silvanos Impromptu mit der rassig jazzigen Musik von Egberto Gismonti, der funkelnde Anleihen bei seinem Landsmann Heitor Villa-Lobos und dem argentinischen Tango-König Astor Piazzolla nimmt. Menschen hasten hin und her, schlittern diagonal, verharren - finden Partner zum Kuscheln en passant. Heben und Hechten - bis die Männer genug haben und die vertikal gehaltenen Frauen einfach auf den Boden plumpsen lassen. Licht aus nach fetzig-frechem Spiel in farbenfrohem Ambiente!

In der Uraufführung von Rodovalhos Ausschnitte verströmen Bossa Nova-Gesänge von Paula Morelenbaum eine Sinnlichkeit wie sie nur der Tango Argentino erreicht. Das neue Stück des Chefs der Quasar Cia de Danca in Rio, den Pina Bausch 1997 erstmals nach Deutschland einlud, könnte zum Pendant von Hans van Manens Fünf Tangos werden: knisternde Erotik und Sinnlichkeit, gepaart mit höchster technischer Präzision und Eleganz. Weich fließend die Bewegungen, raffiniert kokett die langen hochgeschlossenen Strickjacken der Damen mit einem großzügigen asymmetrischen Ausschnitt von der Taille abwärts, die den Bauchnabel frei lassen (Kostüme: Rosa Ana Chanzá). Höhepunkt ist ein atemberaubendes Duett, bei der Premiere grandios getanzt von Brendon Feeney und Ana Rocha Nené. Dicht umschlängeln sich die Dame und der Herr - Annäherung folgt auf Ablehnung. So schön kennt man Liebeswerben sonst nur aus dem Tierreich. Wenn das kein Gala-Highlight wird!

Ureinwohnern Brasiliens, den Tupí, erweist Luiz Fernando Bongiovanni mit seiner Choreografie Tupí or not Tupí - that is the Question Reverenz. Der Titel ist natürlich das augenzwinkernd verfremdete Zitat des Hamlet- Monologs „Sein oder Nichtsein“. Im Ballettsaal bedeutet das: was die Schule lehrt oder ein Choreograf sich ausdenkt, passt oft gar nicht zu Körper oder Emotion der ausführenden Tänzer. Zunächst üben sie in einem leeren Bilderrahmen brav Schritte und Posen, zählen zur Taktung des Metronoms - bis eine (Melanie Lopez Lopez) ausflippt und die ganze dumme Zählerei ad absurdum führt. Wie befreit tropfen blümchentapeten-bespannte Bilderrahmen in unterschiedlichsten Größen und Mustern vom Schnürboden - und jeder macht sein eigenes Ding. Da geht's plötzlich übermütig zu wie beim Karneval in Rio. Was für eine fröhliche „Tanzstunde“!