b.20 - Deep Field im Duesseldorf Oper

Die Welt im All

Es ist ein so gewaltiges Theaterereignis, wie man's im deutschen Tanz vielleicht noch nie erlebt hat. Mehr als 200 Künstler, Techniker und Handwerker sind beteiligt. Atemlose Stille herrschte bei der Premiere im Zuschauerraum. Minutenlanger Applaus voll Anerkennung - und vielleicht  auch ein bisschen überwältigter Erschöpfung  - rauschte zum Schluss durch das Haus.

Mit archaischer Größe taucht dieses Theaterspektakel die Menschheitsgeschichte in fahles Licht, Raumklänge und Bewegung. Mag auch das Universum dem Programm b.20 den Titel Deep Field (Ausschnitt des Himmels, gesehen durch das Hubble-Weltraumteleskop) verliehen haben, so ist doch ganz irdische, üppige Kunst unserer Zeit daraus entstanden. Künstlerischer Anspruch und Aufwand sind epochalen Bühnenwerken wie Hofmannsthal/Reinhardts Jedermann oder Wagners Ring des Nibelungen vergleichbar. Zeitlich sind diese zehn „Phasen" von nur fünfundsiebzig Minuten Gesamtdauer damit verglichen ein „Kammerwerkchen". Ob es sich als  Meisterwerk erweist, das überdauern kann, wird die Zeit zeigen. 

Von überall her wispert, schnalzt, gurrt, juchzt, singt und summt es. Wie aus allen Poren tönt es vom Orchestergraben bis zur letzten Galerie in Düsseldorfs Opernhaus bei der Uraufführung von Adriana Hölszkys Auftragskomposition der zehn Klangbelichtungen einer Metamorphose und Martin Schläpfers Choreografie Deep Field. Kostüme und Medien-Licht-Skulptur entwarf die Stuttgarter Bühnenkünstlerin Rosalie.

Das All und die Erde. Ein schwarzes Netz hängt hinten herunter wie ein halb aufgezogener Vorhang. Im Verlauf der nächsten fünfundsiebzig Minuten wird sich dahinter fahles Blau zeigen, später tiefrote Keile, ein Hauch von Grün, helle Säume, schattige Spiegelungen - auf dem Bühnenboden scharf umrissene Lichtkreise.

Mählich erwacht die Menschheit zum Sein. In einem tief berührenden Solo tastet sich Yuko Kato - ganz sie selbst und doch wie aus ferner Zeit - ins Leben. Barfuß, in  knappem schwarzen Gewand kullert und hopst sie, spreizt die Beine, wirft die Arme von sich, reibt sich verwundert die Augen, streicht über die Wangen mit den ganzen Unterarmen, ballt die Hände zu Fäusten, weil die Finger noch so wenig mit sich anzufangen wissen. Mitten durch den asymmetrischen Raum mit drei Kulissengängen links und vier rechts rennt eine Horde Nackter. Von den Seiten lugen Mannen mit langen Stangen. Aus Urzeiten im Irgendwo wird unsere Welt - menschliches Leben wächst voll Zärtlichkeit, Zorn, jugendlichem Übermut, Einsamkeit und Sterben.

Immer wieder formiert Schläpfer seine grandiose, fast 50-köpfige Kompanie neu, ist schier unerschöpflich erfindungsreich bis hin zum aufreizenden „Schlagzeug" Spitzenschuh. Da knallt die Hacke hart auf den Boden oder die ganze Sohle. Wie Dolche attackieren die Spitzen. Bis Doris Becker sie „nach getaner Arbeit" von den Füßen zieht und, die Folterdinger in den Händen schlenkernd, barfuß davonzieht. Im schnellen Wechsel oder Zusammenspiel treffen sich Gruppe und Solisten: zur schieren Theatralik geboren Marlúcia do Amaral, ein kontemplativer Martin Chaix (an Pina Bauschs trauernden Orpheus erinnernd), eine winzig und verstört wirkende Ann-Kathrin Adam, Paul Calderone - in all seiner Jugend doch schon mit einem Hauch der Aura eines Nurejew, lustvoll tänzerisch die sportliche Camille Andriot in leuchtendem Ultramarin, die elegante Christine Jaroszewski mit Alexandre Simões in einem der zahllosen technisch frappierenden Duette... Alle müsste man eigentlich nennen aus diesem rheinischen Kosmos zeitgenössischer Tanzkunst, die Schläpfer zum Funkeln bringt wie die Sterne am Firmament.

Hölszkys Klangapparat mit Zuspielungen, dem sehr apart besetzten Orchester unter Wen-Pin Chien, dem Chor des WDR, einstudiert von Denis Comtet, steht dem Ideenreichtum und der theatralischen Leuchtkraft Schläpfers in nichts nach.