Le Sacre du Printemps im Duisburg, Gebläsehalle

Ballettmusik als Soundtrack

Noch nie nahm ein Kulturfestival den Tanz so spartenübergreifend ernst wie die diesjährige Ruhrtriennale, die in Duisburg begann. In der letzten Pressekonferenz vor Beginn seiner dritten und letzten Saison deklarierte Intendant Heiner Goebbels mit nonchalantem Ernst: "Wir ignorieren die Spartengrenzen einfach". So finden sich Tänzer in allen Kategorien (auch Laien schon gleich in Goebbels eigener Wiedererweckung der Musiktheater De Materie von Louis Andriessen), aber auch keine Tänzer in Balletten, wie in Romeo Castelluccis Inszenierung von Igor Strawinskys epochalem Ballett Le Sacre du Printemps etwa. Der Italiener setzte zur gestrigen Saisoneröffnung einen markanten Akzent und bot zweifellos nachträglich den spannendsten Beitrag zum 100. Jubiläum der Pariser Uraufführung von Strawinskys Ballettmusik, indem er sie zum Soundtrack umfunktioniert. Leider verpatzt der angehängte elektronische Klang-Einspieler als Abgesang auf die Produktion von Düngemittel aus Rinderknochenstaub die genial aktuelle Interpretation des musikalischen Jahrhundertwerks.

Er sei kein Choreograf, stellt der Regisseur im Interview auf dem Programmzettel für seine Sacre-Produktion klar. Mit dem heidnischen Märchen aus dem Russland einer mythologischen Vorzeit hat er ebenso wenig am Hut wie eigentlich auch Strawinsky, der sich bekanntlich über Nijinskys folkloristische Choreografie des archaischen Fruchtbarkeitsritus' damals in Paris ziemlich ärgerte. Castellucci bedient sich der immens theatralen Partitur mit ihrer wuchtig facettenreichen Dynamik und den schillernden Klangfarben, harsch motorischen Rhythmen und poetisch lyrischen Holzbläser-Passagen zur Klangkulisse für seine knapp einstündige filmische "Dokumention" der Fabrikation von Düngemittel aus tierischem Knochenstaub.

Der Aufführungsort ist ideal: die Gebläsehalle des Thyssen-Stahlwerks im Duisburger Norden mit ihren neoromanischen Rundbogenfenstern in der Backsteinfassade ist mit Maschinen, wuchtigen Rohrleitungen, noch aktiven Elektroturbogebläsen, Pumpenhaus und Kompressorenhalle ausgestattet. Hier wurde rund 50 Jahre handfest "produziert". 2002 entstand ein multifunktionales Theater. Der industrielle Charakter blieb erhalten. Castellucci machte sich das Ambiente zunutze für seine bewegte Installation.

75 Rinder liefern drei Tonnen mehrfach gereinigten Düngemittels aus Knochenstaub. Die Kuh als "Frühlingsopfer"-Mythos, der zum Fabrikprozess mutiert. Vierzehn für die Inszenierung gebaute Maschinen bevölkern den hermetisch mit Stoffen, Plastikplanen und eine zur Zuschauertribüne hin transparente flexible Gummiwand isolierten Aktionsraum. Nach der zarten Holzbläserintroduktion treten sie in Aktion. Rote Lämpchen zeigen Daten und Uhrzeiten an. Aus Schlitzen spucken rechteckige Körper und länglich runde Behälter Staub in Schlangenlinien oder wie Kaskaden eines Wasserfalls.

Ein faszinierendes Lichtorgel-Spiel zwischen harscher Dramatik und lyrischer Poesie entspinnt sich - mal mit brutaler Gewalt, mal - wenn die runden Körper wie Kirchenglocken schwingen - alarmierend oder einfach schön anzuschauen mit den ausgespuckten, sich schlängelnden Rinnsalen des Materials. Klang, Licht und Bewegung erinnern an die erste filmische Aufzeichnung von Wagners "Rheingold", wirken unglaublich authentisch und gleichzeitig ästhetisch verfremdet.

Man vergisst den "Plot", der hier eigentlich erzählt werden soll, taucht ein in ein völlig vereinnahmendes, heutiges Sinnenerlebnis von so gewaltiger Wucht wie Naturereignisse einer Lawine oder eines reißenden Stroms nach einem Wolkenbruch. Immer wieder spiegelt sich die Zuschauertribüne in der transparenten Trennwand: wir sind mitten drin, unentrinnbar gefangen in dem Prozess von Leben und Sterben. Zum Opfertanz der Auserwählten aber schließt sich der Vorhang zwischen Fabrikhalle und Tribüne. Projektionen auf den weißen Stoff erläutern in nüchternen Formeln und Worten den Prozess der Düngemittelgewinnung.

Fast unbemerkt geht Strawinskys Musik in ein elektronisches Wummern und Wabern mit nebulösen Männerchorvokalisen über. Der Vorhang öffnet sich wieder. Die Maschinen stehen nun still. Sieben Männer in Schutzanzügen schaufeln und fegen den Knochenstaub in zwei Kipploren. Einer sammelt übrig gebliebene Knochen in zwei Plastikkübel. Ähnlich verschwimmend wie dieses industriellen Spektakel begann, endet es auch - bis schließlich die ersten Zuschauer sich von den Plätzen erheben und weggehen, andere noch artig oder verwirrt ein paar Hände voll Applaus in den Raum schicken.