Romeo und Julia im Essen, Aalto-Theater

Tragische Liebe

Van Cauwenberghs Romeo und Julia ist, wie erwartet, ein Ballett ohne Ecken und Kanten. Aber Essens Ballettdirektor wartet mit einigen Details auf, die aufhorchen lassen, und seine Kompanie bietet lupenreinen neoklassischen Tanz, der Kurzweil garantiert. Anstelle des Prologs mit Pater Lorenzo und dem Liebespaar Romeo und Julia als Symbol für die Versöhnung der verfeindeten Veroneser Familien Montague und Capulet beginnt Ben Van Cauwenberghs Inszenierung des Prokofjew-Balletts mit der Ouvertüre vor geschlossenem Vorhang. Auch dem zweiten Akt ist ein musikalisches Vorspiel vorangestellt. So unterstreicht der Choreograf die Bedeutung der Musik, die ja mit Fug und Recht wesentlich zum Erfolg dieser Version von Shakespeares Liebestragödie beiträgt. Bei der Premiere im Aalto-Musiktheater spielten die Essener Philharmoniker sie unter Yannis Pouspourikas vorzüglich.

Die Handlung ist deutlich gestrafft, das Personal reduziert. Im fliegenden Wechsel verwandelt Ausstatter Thomas Mika die Schauplätze dank weidlicher Nutzung von Dreh- und Schiebebühnen. Das wirkt oft recht elegant bis kunstgewerblich stilisiert: gleich zu Beginn der Marktplatz - ein rotierendes weißes Quadrat, auf dem die rivalisierenden Parteien einander gegenübertreten. Gelungen aber ist vor allem später der Wandel der Renaissance-Arkaden des Capulet-Palais' in einen antiken Totenhain mit Säulen. Lorenzos kreuzförmiger Altar rückt in die Ferne - fast ein filmischer Effekt. Störend ausführlich dagegen gleitet Julias Balkon wie suchend über die Bühne, bevor die passende Position gefunden ist.

Choreografisch macht von den Gruppenszenen die Ballszene - mit prachtvollen Kostümen! - in strenger Raumgliederung am meisten her. Während die "Roten" und die "Blauen" allzu wohlgeordnet in den beiden ersten Akten Feindschaft zelebrieren, tritt das Trio Romeo-Benvolio-Mercutio fast so brav auf wie die kleinen Schwäne. Originelle Akzente setzt Van Cauwenbergh vor allem in Soli und Duetten. Technisch grandios und ausdrucksstark tanzen Breno Bittencourt und Yanelis Rodriguez. Drastisch parodiert Adeline Pastor Julias Amme. Fast diabolisch kommt der Tybalt von Armen Hakobyan über. Nwarin Gad gibt den von Julia abgewiesenen Paris mit Würde und Eleganz. Raffiniert verschmelzen die Körper von Benvolio (Viacheslav Tyutyukin) und des witzig-frechen Mercutio (Wataru Shimizu), dessen Todestanz später von den Freunden missverstanden wird: man hält ihn für Unterhaltung wie den Akt des Sprungakrobaten Stephen Kabath. Das fatale Ausmaß seines gescheiterten Versuchs, die Familien zu versöhnen, betrauert - anstelle des üblichen Epilogs der Familien am Grabe der Kinder - Pater Lorenzo (Denis Untila). Nach betroffener Stille applaudierte das Premierenpublikum begeistert.