NUIT BLANCHE À OUAGADOUGOU im Köln, Theater im Bauturm

Nuit Blanche á Ouagadougou

Es gibt noch Wunder, sogar in Afrika. Burkina Faso gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Kulturell und künstlerisch hingegen, und dafür gibt`s leider kein Ranking, gehört das Land zu den kreativsten Staaten zwischen Mittelmeer und dem Kap der Guten Hoffnung. Ouagadougou klingt nicht gerade nach Aufbruch in die Moderne. Doch in der Hauptstadt des ehemaligen Obervolta findet nicht nur Afrikas bedeutendstes Film-Festival „FESPACO“ statt, in diesem Jahr zum 24. Mal, sondern seit ein paar Jahren auch ein für den ganzen Kontinent bedeutendes Theater-Festival, das „Récréatrales“. Dass Christoph Schlingensief in diesem westafrikanischen Staat, unweit seiner Hauptstadt, sein „Operndorf“ ins Leben rief, sei nur ergänzt und gehört zum Bild dieses Landes.

Doch zum „Wunder“ und seinen Folgen. Wie ein Prophet, der freilich, entgegen dem üblichen Negativ-Urteil, in seinem Land viel gilt, müssen und mussten sich im Oktober 2014 der Choreograph Serge Aimé Coulibaly und seine kleine Compagnie vorkommen. Ihre Produktion Nuit Blanche á Ouagadougou ist so etwas wie ein tänzerisch verkünstelter Aufruf aufzuwachen, der Korruption Paroli zu bieten und sich, notfalls auch mit Waffen, die Diktatoren und Wirtschafts-Gangster vom Hals zu schaffen.

Dass die „Weiße Nacht“, im Deutschen zur „Durchwachten Nacht“ verwandelt, ausgerechnet in den Tagen ihre Uraufführung in Ouagadougou, Coulibalys Heimatstadt, erlebte, als eine weitgehend friedliche Demonstration und Revolution den langjährigen und autokratisch regierenden Präsidenten Blaise Comparoé nach einem viertel Jahrhundert aus dem Amt drängte, erweist die „Nacht“ geradezu zu einer Vision. Hier haben sich die Theater-Kunst und die Wirklichkeit die Hände gereicht. Einmalig - auch ein kleines Wunder!

Von der Kraft und dem unbeugsamen Willen, die die Truppe vorantreibt und beseelt, konnten sich jetzt die Besucher der Deutschland-Premiere beim noch jungen, aber nach vorn strebenden „africologne“-Festival in Köln ein eindrucksvolles Bild verschaffen. Dass auch das Ohr zu hohen Emotions-Ehren kam, ist der Musik und den ebenso poetischen wie zugreifend-harten Texten Smockey Bambaras zu danken, dem der Ruf als „bester afrikanischer Rapper“ vorauseilt. 2010 wurde ihm sogar offiziell dieser „Titel“ verliehen.

Seele und Geist des „Faso Danse Theatre“ ist freilich Serge Aimé Coulibaly, der als einer der herausragenden zeitgenössischen Choreographen Westafrikas gefeiert wird. Als Tänzer arbeitete er bereits mit Alain Platel und Sidi Labi Cherkaoui zusammen.

Nuit Blanche ist ein Hoffnungs-Schrei für Veränderung, ein Weckruf, den Calibalys Körper und der seiner drei schwarzen Tänzer und einer Weißen zwischen Zittern und Aufbäumen, Eruptionen und bodennahen Kämpfen deutlich spürbar werden lassen. Beklagt werden Korruption, Machtmissbrauch und Beamten-Willkür. Aber auch Feigheit der Menschen, dagegen anzugehen. Aber es besteht Hoffnung. Smockeys Texte gehen über in Bilder, die die tödlich-lähmende Situation deutlich machen. Einer der Tänzer stürzt, rollt über die Spielfläche, wird von einem zweiten mehrmals aufgefangen – und wieder fallengelassen. Eine Frau kommt hinzu, setzt sich – und der vermeintlich Tote springt dem Duo auf den Schoß. Eine merkwürdige, eine sehr bewegende Szene, gemahnt sie doch an eine Pietá – nur doppelt. Der Geschlagene ist bei „Vater“ und „Mutter“.

Alles Fließende, alles Harmonische ist in dieser Welt verloren gegangen. Ein von Rosen am ganzen Körper geschmückter Mann wandelt, zunächst, am Rande des Geschehens. Dann nähert er sich der Mitte – und die Rosen werden ihm vom Leib gerissen: Illusionen haben (noch) keinen Platz. Ein anderes Paar kämpft miteinander, einer stößt den jeweils anderen von sich weg, neigt sich ihm kurz liebevoll zu, drängt ihn wieder brutal zurück. Dann tanzen alle zitternd im Takt, schlagen sich auf Kopf und Brust. Alle Bewegungen streben nach Änderung und Wandlung.

Was sagte der Chef der Truppe, nach kaum enden wollendem Jubel nach zwei Stunden Höchst- und grandioser Körper-Spannung? „Was wir mit Kunst versuchen, muss Wirklichkeit werden“. Im Oktober 2014 hat die Realität der Fiktion des Quintetts eingeholt. Es lebe die Theater-Kunst!