Der Nussknacker im Dortmund, Oper

Die Idylle wird perforiert

Es bleibt ein Traum, es bleibt ein Märchen, es bleibt skurrile Poesie: Der Franzose Benjamin Millepied, nicht zum ersten Mal beim Dortmunder Ballett zu Gast, studierte nach der romantisch durchpulsten Musik von Peter I. Tschaikowsky die doppelbödige Geschichte vom Nussknacker (UA 1892, St. Petersburg) ein. Und sicherte dem Haus (und dem Tanzchef Xin Peng Wang) einen großen Publikumserfolg. Die Produktion dürfte lange im Repertoire bleiben…

Alles bewegt sich mit leichter Hand, schwebender Artistik und mit der Autonomie technischer Naivität. Ein Haus steht Kopf, ein Schriftbild entwickelt sich aus einer unendlichen Linie, Kisten entpuppen sich als Auftrittsorte für Figuren, die musikalische Deutung (Gabriel Feltz am Pult der Dortmunder Philharmoniker) balanciert zwischen Vorder- und Hintergrund, das scheinbar niedliche Weihnachtsmärchen mutiert zum Albtraum, um doch zurückzukehren in die positive Kinderwelt, „ein getanzter Traum oder ein geträumter Tanz“ (wie Xin Peng Wang fragt) – Millepieds Antworten in der multimedialen Kombination aus Charakteren, Baukasten-Bildern, Lichtstimmung, Bewegung, Seelenbefragung und Musik sind mehrdeutig, dennoch schlüssig. Die Wirklichkeit des Theaters oder des Balletts erlaubt eben viele Nuancen. Und die kostet der Chefchoreograph der Pariser Oper so intelligent wie bilderbuchbunt auf. Clara, das Mittelpunktmädchen, das erstmals ihrem Prinzen begegnet, reift in dieser Stationendramaturgie. Ihr gilt auch Millepieds Hauptinteresse.

Zusammen mit dem Grafiker und Designer Paul Cox (Bühne und Kostüme) und mit dem Lichtkünstler Rick Murray fragt der Gastchoreograph, der den Nussknacker in seiner Version erstmals 2005 in Genf präsentierte, nach den Abgründen hinter der Oberfläche einer Familie, die sich auf das Weihnachtsfest freut. Da sind schnell Schatten im Spiel. Die Dinge und die Menschen bewegen sich ständig. Aber Millepied überzieht den Bogen nicht, verliert sich nicht in Freudschen Labyrinthen, arbeitet nicht pochend gegen die Romantikfolie von E.T. A. Hoffmann (literarische Vorlage) oder Tschaikowskys perlend-blühende Partitur. Aber im Kampf der Spielzeugsoldaten gegen den Mäusekönig, in der symbolischen Schneefall-Szene, in der Figurenschärfe, in der Zuckerburg oder in Claras Reaktionen auf ihre geträumten Erlebnisse und Begegnungen klingen neue, fast dämonische Psycho-Beziehungen an. Der aufklärerische Zeigefinger bleibt bei Millepied und seinem großartigen Poeten-Team letztlich in der Tasche…

Getanzt wird imponierend auf höchstem Niveau. Die Dortmunder Compagnie dokumentiert erneut ihren erstaunlichen, neoklassisch fixierten Virtuosen-Aufstieg unter Xin Peng Wang. Die körperlich-gymnastische Durchbildung ist fast durchweg modellhaft, das Bewegungspotenzial von Millepied dient der psychologischen Befragung, die bildnerische Einfachheit wird kontrapunktiert von der Märchenmystik, die zugleich verzaubern kann. Die wichtigsten Protagonisten bei diesem perforierten Idyllenriss aus kindlicher Perspektive sind bestens besetzt: Sarah Falk als Traumtänzerin Clara, Arsen Azatyan als ambivalenter Drosselmeier, Alysson da Rocha Alves als Prinz, Stephen C. King als Mäusekönig mit Machtanspruch, Jelena-Ana Stupar als Zuckerfee oder Stephanine Ricciardi/Andrei Morariu als Elternpaar. Dass viele Ensemblemitglieder mehrere Rollen übernehmen, fällt in den raumfüllenden Erzählepisoden kaum auf.

Die Philharmoniker baden unter dem Feltz-Dirigat in den tänzerischen Wellen der Tschaikowsky-Musik. Nur in den ersten Anfangstakten wackelt es. Dann aber spult das lyrische Schau-Fenster, das die Partitur einbezieht, problemlos ab.

Großer, anhaltender Jubel für alle Verantwortlichen und alle Mitwirkenden, zu denen übrigens auch der Kinderchor der Dortmunder Chorakademie zählt.