Homo sacer / Sacre im Theater Münster

Von Heiligen und Opfern

Heilig ist der Mensch, wenn er nackt und bloß auf die Welt kommt. Heil ist er (meist), ja göttlich vollkommen sogar, meinte man früher, am Anfang des Lebensweges. Dieser „homo sacer" steht im ersten Teil des neuen Tanzabends in Münster Homo Sacer / Sacre auf der Bühne: ein Dutzend Tänzerinnen und Tänzer in fleischfarbenen Trikots bilden einen reglosen Cluster inmitten des Weltalls. Drei schwebende Ringe deuten das Firmament an. Einojuhani Rautavaaras ätherisch schöner, getragener Satz Come un sogno (Wie ein Traum) aus der 7. Sinfonie Angel of Light bildet die kongeniale musikalische Untermalung zu den folgenden Tanzszenen, die vorwiegend im Zeitlupentempo wie in Trance getanzt werden. Hohe technische Qualitäten zeigen Mirko De Campi, Jason Franklin und Elizabeth Towles in einem langen Pas de trois zu Ausschnitten aus Lepo Sumeras Sinfonie für Schlagwerk und Streicher. Da erinnern Paukenschläge schon an die tickende Uhr in der Zeitbombe... Vorzüglich tanzen danach die Japanerin Ako Nakanome und Keelan Whitmore ein Duett in diffusem Nebel auf Rautavaaras Notturno. Auch in dem abschließenden Ensemble zu Sumeras Musica profana macht sich der elegante Amerikaner vorteilhaft bemerkbar. Das Stück Homo sacer, das Münsters Tanzchef in Zusammenarbeit mit dem Ensemble choreografierte, besticht durch Bilder voller Harmonie und Reinheit, wird zum Genuss nicht zuletzt durch bisher nie gewagte Modern Dance Technik.

Auch Paars Sacre profitiert davon und schließt doch viel mehr an seine bisherigen Stücke an, die sich meist kritisch bis drastisch im Heute bewegen. Der versierte Musik- oder Tanzliebhaber sollte sich also tunlichst von dem heidnischen russischen Märchen vom „Frühlingsopfer" verabschieden, das Vaslav Nijinsky für die Ballets Russes auf Igor Strawinskys Libretto und Komposition in der skandalträchtigen Pariser Uraufführung 1913 choreografierte. Noch vor ein paar Jahren hätte auch Paar für seine Interpretation der zündenden Strawinsky-Partitur ziemlich sicher in einer biederen deutschen Stadt pikierte bis eiskalte Reaktionen erlebt - jetzt nicht mehr.

Wenn der Vorhang sich hebt, stehen sechs hochgestylte Paare in schwarzer Partygarderobe - zum Tableau erstarrt - auf der Bühne. Man beginnt zu tanzen. Immer handgreiflicher, lüsterner, frivoler, ordinärer outen sich Männer wie Frauen. Vom Garten Eden hat sich der "homo sapiens" - längst nicht mehr heilig - nach Sodom und Gomorrah verirrt. Die Orgie wächst sich zum Chaos aus. Im peitschend motorischen Rhythmus von Strawinskys Musik vereinen sich alle zum letzten, kriegerischen Diskotanz. Dann fallen glitzernde Flitter wie Schneeflocken vom Schnürboden. Gasnebel wabern hinter der Tanzfläche. Nackte Menschen robben in panischer Todesangst durch den Raum, andere taumeln und straucheln, sacken tot zusammen. Die Reinheit des antiken nackten „homo sacer" ist zur Schutzlosigkeit des nackten Opfers willkürlicher Gewalt unserer Tage mutiert. 

Das Sinfonieorchester Münster wächst unter der Leitung seines Ersten Kapellmeisters Stefan Veselka über sich hinaus.

Keine Frage: Hans Henning Paars Wechsel mit Intendant Ulrich Peters von München nach Münster hat sich gelohnt - für das Publikum allemal. Es dankte bei der Premiere mit minutenlangen stehenden Ovationen.