Übrigens …

Shiny, shiny... Imploding Portraits Inevitable im tanzhaus nrw

Per Handy in Warhols Factory

„Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – Als überlieferte Volksmärchen betrachteten wir Grimms Märchen bislang, als althergebrachte Folklore. Heute ahnen wir: Schneewittchen war Science Fiction – so wie Aldous Huxleys Brave New World. Frau Königins Spiegel reflektierte nämlich nicht nur die Schönheit von Schneewittchens böser Stiefmutter, sondern er hatte auch alle übrigen hübschen Girls des Landes im Fokus seiner Überwachungskameras und übermittelte per Sprach-Funktion jede eventuelle unbotmäßige Überschreitung der durch die physische Attraktivität der Königin definierten Schönheitsgrenzen durch deren Untertanen. Was in unserer Jugend als fernes Märchen erschien, ist heute längst Wahrheit geworden: Die Funktion des Spiegels hat das Mobiltelefon übernommen. Mit oder ohne Selfie-Stick posieren Mann und Frau vor der Handy-Kamera und schicken ihre unvermeidlichen, vermeintlich selbstoptimierten Portraits in die Welt. Was das SmartPhone dann zurückmeldet, ist oftmals nicht halb so diplomatisch formuliert wie es der Königin sprechender Spiegel in Schneewittchen-Land einst tat. Nach allem, was man hört von unseren schönen Töchtern, kann man sich mit den Selfies höchst brutale SMS- oder WhatsApp-Rückmeldungen einfangen.

Der österreichische Choreograf und Performer Chris Haring hat diesen Selbstoptimierungs-Wahn per SmartPhone vor einem Jahr zum Anlass einer Performance genommen, die jetzt im tanzhaus nrw gastierte. Auf die Spiegel-Metapher greift auch er zurück: Auf zwei langen, in etwa rechtem Winkel zu einander stehenden Videowänden werden die von beweglichen Kameras aufgenommenen Bilder der Performer vervielfältigt. Körper, Gesichter, Münder und Augen der Performer werden verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht und später sogar zu Massenchoreografien verwoben. Bis in die Zeiten von Grimms Märchen blickt Haring allerdings nicht zurück: Er spiegelt den SmartPhone-Wahn im Werk von Andy Warhol, in dessen dreiminütigen Close-ups eitler Prominenter, Drag Queens, Models, Kunstsammler und Literaten, die in der Factory für den Meister der Pop Art posierten. Spiegel gab’s auch dort: „I’ll be your mirror“ sang schon im Mai 1967 das viel fotografierte Model Nico bei Warhols performativem Happening Exploding Plastic Inevitable im New Yorker „Dom“. Teile dieser Veranstaltung bekommen wir bei Haring als eine Art ironisches Re-Enactment zu sehen. Warhols Leib- und Magen-Band Velvet Underground damals ihren für Warhol-Fans legendären Song „Venus in Furs“: „Shiny, shiny, shiny boots of leather“. Damit wäre der Titel von Harings Choreografie erklärt: Shiny, shiny ist der erste Teil seiner Performance-Reihe Imploding Portraits Inevitable. Der zweite folgte im Mai 2015 unter dem Titel False colored Eyes.

Bei Shiny, shiny fällt zunächst einmal „false colored hair“ ins Auge: Nach und nach betreten die fünf Tänzer und Tänzerinnen die Bühne und kämmen unablässig ihre blonden Perücken, die ihre Ähnlichkeit mit einem Warhol-Schopf nicht verleugnen können. Die Performer treten vor die Kameras, und in Großaufnahme werden ihre Portraits auf die Videowände geworfen; ein jeder bekommt seine fünf Minuten als Superstar. Wildes Haareschütteln wird einmal zu einem wirbelsturmartigen Naturschauspiel auf dem Video Screen. Ansonsten ist allerdings von Natur nicht viel zu sehen. Schöne Menschen werfen intensive Blicke – doch wirkt das alles schwer gekünstelt. In kurzen tableaux vivants erstarren die Figuren zu verdrehten Schaufenster-Puppen; der Schönheitskult gebiert Fratzen. Bilder von körperlicher Liebe und Gruppen-Sex wirken nicht zärtlich oder lustvoll ekstatisch, sondern übergriffig. Sprache und Musik werden verzerrt, und die Portraits, die auf die Videowand geworfen werden, sind Bilder eitler Dummchen: Narziss und Schmollmund. Anstelle von Monroe-Erotik hat der Schmollmund etwas Hässliches, Gespensterhaftes, und wenn sich die Horde der Performer gelegentlich kollektiv zu kratzen beginnt, kann man sich der Assoziation nicht erwehren, dass unsere heutige Gesellschaft der Selfie-Aficionados sich möglicherweise zu einem veritablen Planeten der Affen entwickelt.

Warhol-Exegeten werden in Harings Inszenierung manche Erinnerungen auffrischen können und Personen aus der Factory oder der sonstigen Andy-Entourage sowie Techniken aus den Screen Tests und dem Exploding Plastic-Zyklus erkennen. Die Videowand, die Haring aufgebaut hat, taucht auch in Ronald Nemeths Film vom New Yorker Exploding Plastic Event auf; auch dort vermischten sich die Silhouetten der Tänzer mit Ausschnitten aus Warhols experimentellen Filmen. Scheppernde, klirrende dissonante Musik weckt zunächst Assoziationen an Warhols Car Crash-Serie, doch Youtube belehrt schnell eines Besseren: Sie stammt original aus der Exploding Plastic-Performance. Das Knistern und Knarzen des Soundtracks wird zunehmend abgelöst durch Textfetzen aus Warhols Filmen und verfremdete Versionen von Velvet Undergrounds Venus in Furs oder Geri Millers Mama look at me now aus Paul Morrisseys von Warhol produziertem Film „TRASH“. Sind Text und Teile der Musik auch in den 60er und frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verankert, so ist die Technik der Aufführung hochmodern. In der Vervielfältigung der Figuren auf den Videoscreens lässt sich eine dem 21. Jahrhundert angepasste Form von Warhols Methode der seriellen Reproduktion erkennen.

Was meldet nun zusammenfassend der SmartPhone-Spiegel zur Attraktivität von Harings Performance? Nun, sie ist nicht so mitreißend wie das psychedelische Deep Dish aus der Perfect Garden-Serie, mit dem die Haring-Truppe im vergangenen Jahr in Düsseldorf gastierte (siehe hier). Das, was die Selfie-Generation gerne „perfect“ hätte, wird erbarmungslos kritisiert – und konsequenterweise greifen Haring und sein Sound-Designer Andreas Berger häufig zu Störgeräuschen und disharmonischen Bildern. Ansätze psychedelischer Bilder beobachten wir auch bei Shiny, shiny – sie würden ja auch ideal zu Warhols Factory passen, aber der Funke springt nicht ins Publikum über. Dennoch vermögen einige der visuellen Effekte immer wieder zu fesseln; Licht und Videotechnik werden erneut souverän bedient. Im Vergleich zu Deep Dish appelliert das Portrait der dümmlichen Selfie-Gesellschaft allerdings mehr an den Intellekt als an das Gefühl.