Faust I - Gewissen! im Dortmund, Oper

Mephisto als Lord of the Dance

Goethe meets Rammstein und Super Flu. Die Tanzmetall-Rockband ist als Teil des Soundtracks für Xin Peng Wangs Ballett Faust I mit „Ich will“ dabei, und die jungen Wilden aus Halle an der Saale bekamen sogar den Auftrag für einen „Faust-Step“. Die Brücke zwischen diesem Pop und zeitgenössischer E-Musik des in allen Farb- und Stilschattierungen changierenden polnischen Symphonikers Henryk Górecki schlägt der Amerikaner Michael Daugherty mit seinem Regelwerk Lex für Symphonic Band. Es geht musikalisch also ordentlich zur Sache. Immerhin gilt es ja auch,  nach dem Volksbuch von 1587, Puppenspiel, Marlowe-Wandertheater-Drama, Goethe-Charaktertragödie, den Opern von Berlioz, Gounod und Boito sowie jüngster Rockoper auf dem Brocken, den legendären Gelehrten Dr. Johann Fausten aus Killingen (oder woher auch immer) endlich in der zur Zeit aufmüpfigsten Theatersparte ankommen zu lassen.

Dramaturg Christian Baier, der wieder das Szenario entwarf und kluge Musikvorschläge unterbreitete, ist immer - diesmal erfreulich leichtfüßig - bedacht, auf einen bestimmten, zeitgemäßen Aspekt in den literarischen Vorlagen zu fokussieren. Zu Xin Peng Wangs Faust-Choreografie appelliert er ordentlich an das Gewissen des Goethe-Helden. Denn Wissen setze Gewissen voraus, und so tänzelt dieser Faust denn „zwischen Wissensdurst und Gewissensbissen“, wie der Wiener in einem launigen Programmheft-Beitrag kundtut. Logischerweise und sehr klar geht es im ersten Teil des neuen Dortmunder Ballettabends ums Wissen, im zweiten ums Gewissen. In je vier Szenen, gespickt mit Goethe-Zitaten. Das ist bestens gelungen und überaus volksnah: da turteln der junge Faust (bei der Premiere: Javier Cacheiro Alemán) und Margarethe (Barbara Melo Freire) wie Romeo und Julia - und sterben auch miteinander leidend, woraufhin der alte Faust (Harold Quintero) das nach der Steinigung Blut verschmierte, leblose Bündel - angeklagt war Margarethe des Mordes an ihrer von Mephisto erdolchten Tante Marthe Schwerdtlein (Jelena-Ana Stupar) - aufklaubt, um Hand in Hand mit dem Mädel ins Paradies zu schreiten. Goethes Faust I fürs heutige Ballettpublikum bis hin zum Kitsch aufbereitet. Dazu gehört neben der von den Dortmunder Philharmonikern unter Philipp Armbruster vorzüglich gespielten Musik ein optischer Apparat, der jeder internationalen Musical-Produktion das Wasser reichen kann.

Das omnipräsente Schachbrettmuster vorn, hinten, oben und unten, flach, rund oder gewellt auf der großen Dortmunder Bühne, Symbol für die Schacherwette zwischen Gott und Teufel um Fausts Seele, und gotischer Spiegel zur Spiegelung der uralten menschlichen Sehnsucht nach ewiger Jugend realisierte Bühnenbildner Frank Fellmann mit Hilfe von Lichtdesigner Carlo Cerri und Videodesigner Frank Vetter. Bernd Skodzigs Kostüme für die Menschen, die vier Wissenschaften, Schachfiguren, Gesellschaft, Dämonen, Engel und Erzengel, Hexen und Teufel würden jedem Hollywood-Sciencefiction-Schinken Ehre machen.

Nur einen Haken hat dieses Tanz-Event. Xin Peng Wangs Choreografie. Der Chinese hat noch immer keine wirklich eigene, selbstbewusste, souveräne Tanzsprache gefunden. Immer wieder bleibt er in klassischen Arabesken, Pirouetten und weiten Jetés hängen. Kaum ein anderes Repertoire stellt Wang seinen Protagonisten zur Verfügung. Da ist schon fast außerirdische Darstellungskraft vonnöten, um eine Figur dieses Dramas zu wirklichem Leben zu erwecken. Engel- und Teufel-Chöre/Corps' bieten kaum mehr als Aerobic. Auch scheint Wang den Kompetenzen seiner Tänzer im letzten Moment dann doch nicht zu vertrauen. So hat zwar sein drahtiger Premieren-Mephisto Dann Wilkinson, Neuzugang aus Australien, seine Ausbildung mit Stepp- und Jazz-Dance begonnen, darf diese Erfahrung aber nur sehr sporadisch einbringen. Dieses stereotype Gehopse - zeitweise noch dazu synchron mit dem jungen Faust - bremst seine ohnehin kaum sichtbare diabolische Ausstrahlung gewaltig aus. Dabei ist das Bürschchen in schwarzen Hard Rock-Klamotten mit Gold-Verzierung und abgefahrener Haartracht - Hinterkopfdutt, aus dem ein langer Pferdeschwanz fällt - wie der veritable Lord of the Dance herausgeputzt. Vertanzter Zynismus, satanische List und Ehrgeiz, Gott eine seiner Kreaturen abzuluchsen - wie geht das? Jedenfalls bei der Premiere saß dem jungen Australier fast bei jedem Auftritt das Premierenfieber im Nacken, und er konnte sich in dieser vielleicht dankbarsten Theaterrolle der Weltliteratur nur in raren Momenten so richtig austoben.

Das Dortmunder Publikum liebt diese opulenten Ausstattungs-Ballette dennoch ohne wenn und aber. Die Premieren im Opernhaus sind Events wie im Stadion die Heimspiele des BVB.