Deutscher Tanzpreis im Essen, Aalto-Theater

Tanzen lernen heißt denken lernen

„Er ist die Stimme des Tanzes in Deutschland“, analysierte die stellvertretende Intendantin am Staatsballett Berlin, Dr. Christiane Theobald, in ihrer brillanten Laudatio auf Martin Puttke bei der Verleihung des Deutschen Tanzpreises 2016. Tatsächlich hat es bisher nur ganz wenige Preisträger dieser prominentesten deutschen Tanzauszeichnung gegeben, die wie Puttke der ursprünglichen Zielsetzung derart vorbildlich entsprechen, die der initiierende Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik (Essen) 1983 proklamierte. Samstagabend ehrte der Förderverein Tanzkunst Deutschland e.V. den 72-Jährigen im Rahmen der traditionellen, fast fünfstündigen Gala im Aalto-Theater.

Der ehemalige Essener Ballettdirektor (1995-2008) förderte die Tanzkunst in Deutschland maßgeblich unter anderem als erster Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren-Konferenz, Vorstandsmitglied des Deutschen Berufsverbandes für Tanzpädagogik sowie Initiator des von der Bundesregierung geförderten Dachverbandes Tanz Deutschland. Internationale Anerkennung fand Puttke als Pädagoge. In der Entwicklung seines neuen Technikkonzepts DANAMOS kulminiert seine Bemühung um die Erhaltung klassischen Tanzes auf der Basis natürlicher Grundbewegungen. Denn „Tanzen lernen heißt denken lernen“ ist Puttkes pädagogisches Credo. Als heute legendärer Künstlerischer Leiter und Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin schrieb Puttke von 1978 bis 1990 deutsche Tanzgeschichte.

In der Kategorie „Zukunft“ wurden der brasilianische Tänzer Marcos Menha vom „Ballett am Rhein“ und der in Wien ansässige russische Choreograf Andrey Kaydanovskiy geehrt. Laudatorin Alexandra Georgieva, Ballettdirektorin am Friedrichstadt-Palast Berlin, nannte sie „Weißer Schwan und häßliches Entlein“ - entsprechend der eleganten Aura des Tänzers und den Titel einer Choreografie des Russen zitierend. Beide traten in Tanzeinlagen auf: Menha in einem Ausschnitt aus Martin Schläpfers philosophischen Bildern eines zerrissenen Künstlerlebens verwundert seyn - zu sehn von 2015. Mit seinem Tanzstück für zwei Tänzer und eine Tänzerin vom Staatsballett Wien Love Song bot der mittanzende Choreograf Kaydanovskiy eine Kostprobe seiner „inhaltlich dichten, sehr theatralischen Bilder“, wie die Lautorin analysierte.

Der „Anerkennungspreis“ ging an die drei Tanzmedizinerinnen Elisabeth Exner-Grave, Oberärztin der orthopädischen Abteilung im „medicos.AufSchalke“, Liane Simmel, Autorin des Standardwerks „Tanzmedizin in der Praxis“ und Mitgründerin von „tamed - Tanzmedizin Deutschland e.V.“ und Eileen M. Wanke, Leiterin der Tanzabteilungen an der Berliner Charité und der Künstlermedizin an der Goethe-Universität Frankfurt. Ausgerechnet diese drei Extänzerinnen brachten den größten Unterhaltungswert auf die Bühne mit einem Sketch über die Gefahren des Tanzes: 76,7 Prozent der Unfälle von Tänzern passieren auf der Bühne.

In einer flammenden Rede lobte Dortmunds Ballettmanager Tobias Ehinger, erster Preisträger in dieser Kategorie, das Trio. „Tänzer sind Hochleistungssportler. Nur ist das Selbstverständnis das eines Künstlers.“ Dessen Arbeit beinhalte stets auch den Schmerz. Deshalb kam die Gesundheitsfürsorge lange zu kurz. Die drei Pionierinnen und „Koryphäen der deutschen Tanzmedizin“ bedankten sich bei ihrem Laudator mit adäquater Sicherheitskleidung für Bühnentänzer: Kopfhelm und Gummistiefel...

Kaum je zuvor hat diese Gala eine derartige Bandbreite des aktuellen europäischen Balletts geboten. Eine Straffung des Programms wäre trotzdem nötig gewesen.