Young Moves im Theater Duisburg

Nachwuchsförderung beim Ballett am Rhein

Die letzte Premiere dieser Spielzeit mit dem Titel Young Moves hat Martin Schläpfer sechs Choreografie-Neulingen aus den Reihen seines Ballett am Rhein vorbehalten. Der Koreanerin So-Yeon Kim gewährte er choreografische Assistenz für Zahir nach Paolo Coelhos gleichnamigem Buch. Nicht zufällig. Entstanden ist ein in zehnjähriger Überlegung gereiftes Ballett, gewebt aus Erinnerungen, Gefühlen und Erfahrungen durch Tanz, Musik, Farben, Malerei und Literatur. All diese Künste wollte die Tänzerin „miteinander verbinden und mit meiner Liebe zum Violoncello“, das sie selbst auch spielt. Fast wie eine Hommage an die Reinheit und perfekte Struktur der Ballette Hans van Manens wirkt ihre 20-minütige Choreografie. Sogar Solokompositionen des von van Manen für das Ballett favorisierten Barockkomponisten Johann Sebastian Bach geben Kims auch erzählerisch mehr als ansprechendem Ballett das klangliche Rückgrat - freilich sind es die drei Cello-Suiten. Wohl aber zitiert sie van Manens Solo (auf eine Violin-Partita für drei Tänzer) in einer Sequenz für zwei Tänzer. Mit viel Charme und feinem theatralischen Gespür stellt Kim der Fünferreihe markiger Männer in langen schwarzen Hosen (symbolisch für die fünf Notenlinien) eine auch farblich zauberhafte Dreiecks-Liebelei gegenüber, zu der sie Coelhos Bestseller und Gustav Klimts Affaire mit Emilie Flöge inspirierte. Die rothaarige Ann-Kathrin Adam ist eine atemberaubend sinnliche Schönheit zwischen dem zärtlichen, verlassenen Lover Eric White (im ahnungslos unschuldigen weißen Hemd) und dem rassigen Verführer Chidozie Nzerem (im strengen Businesssuit). Für das Bühnendesign - drei unregelmäßig schraffierte Rechtecke unterschiedlicher Farbe und Größe schweben beim Auftreten der drei Solisten - hat Kim selbst entworfen, das hauchzarte Kleid und die Männerkostüme Kevin Gamez. Eindeutig toppt So-Yeon Kims Zahir die erfreulich unterschiedliche Reihe der Kurzchoreografien dieser Premiere im Theater Duisburg.

Die Spannung zwischen Gruppe und Individuum interessiere sie, so erklärt Louisa Rachedi den Ansatz zu ihrem Großstadtballett Fieldwork, das den eindrucksvollen Abschluss des ersten Teils der Premiere bildet. Sehr individuell und mit viel Fantasie hat sie selbst die Kostüme und die Bühne gestaltet. Wogende, wippende, sich schnell bewegende Cluster wechseln mit einzelnen Menschen und Paaren. Zum Schluss scharen sich alle um einen am Boden liegenden schwarzen Körper links vorn - Eric White nach seinem furiosen Solo? Rechts hinten bäumt sich Yuko Cato gegen ihre Einsamkeit auf.

Videos vom Alltag in einer Stadt verwendet Wun Sze Chan für It Is Passing By. Alle Tänzer betreten die Bühne in Businesskleidung durch den Zuschauerraum und nehmen ein Paar aus dem Publikum mit. Eine junge Frau (Irene Vaqueiro) mit einer Einkaufstüte voller Kuscheltiere will sich zu dem (Eltern-)Paar drängen und ruft immer wieder verzweifelt: „Lasst mich durch!“ Aber es gibt keine Rückkehr in die Geborgenheit der Kindheit - so jedenfalls kommt der Plot der Chinesin auf das Lullaby des Amerikaners Moondog über.

Wie ein musizierendes Kammertrio bewegen sich wunderbar harmonisch, einheitlich und trotzdem jeweils mit eigener Stimme Christine Jaroszewski, Anne Marchand und Virginia Segarra Vidal in Boris Randzios Mindrift auf Bratschenmusik von György Kurtág. Geschickt lavieren die drei sportlich gekleideten Freundinnen zwischen zwei Masten, die - orange gepolstert - wie Pfosten eines Alpenlifts am Rande einer Skipiste aussehen, um schmerzhafte Zusammenstöße oder Berührungen zu vermeiden.

Der Rahmen ist unterhaltsam. Virginia Woolfs fantastischer Roman Orlando gab Alban Pinet den Anstoß zu seinem etwas geziert verdrehten Odnalro. Ein Tanz-Viertelstündchen à la Pina Bausch ist dabei herausgekommen - mit Kleiderständern voller Roben und schillerndem Fummel, schwarz lackierten Stühlen, Musik aus den 1920er Jahren und Herren als Damen wie in Kontakthof. Musikalisch fetzig unterfüttert von Michael Torkes Konzert für Schlagzeug und Orchester aus Rapture (Entzücken) lässt Michael Foster seiner Tanzleidenschaft freien Lauf. „Es geht um tanzen, tanzen, tanzen,“ hat er den fünf Tänzerinnen und drei Tänzern seines Rausschmeißers gesagt. Die lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen - und tanzen, tanzen, tanzen wie eine Truppe vom Kaliber der Shadowland-Silhouetten von Pilobolus oder dem kubanischen Salsa-Temperament von Revolución.