b.28 im Duesseldorf Oper

Choreografien zu Bach, Dessner und Glass

Der Amerikaner Paul Taylor gehört zu den Granden der neueren Ballettgeschichte. Seine federleichte Gruppenchoreografie Esplanade auf zwei Violinkonzerte von Bach weht wie ein Frühlingslüftchen über die weite, leere Bühne des Düsseldorfer Opernhauses. Schwingende Sommerkleider, wehende Haare, anmutig fließende Modern Dance-Figuren und Formationen mit augenzwinkernd aufgelockerter Asymmetrie in der Besetzung vermitteln ein natürliches Ambiente und geradezu naive Sorglosigkeit. Dabei ist die Technik natürlich voller Tücken und Finesse, verlangt absolute Präzision und rhythmisches Gefühl. Die Leichtigkeit des Ausdrucks in Tanz und Musik bringen die drei Tänzer und sechs Tänzerinnen (darunter die wunderbar androgyn wirkende Elisabeta Stanculescu und Yuko Kato als Personifizierung eines virtuosen Wirbelwinds) zur Begleitung durch die Düsseldorfer Symphoniker mit den Geigern Dragos Manza und Egor Grechishnikov perfekt über die Rampe. Ein Auftakt nach Maß für b.28, das neue Programm des Ballett am Rhein!

Den in Deutschland noch wenig bekannten gebürtigen Südafrikaner Hubert Essakow beauftragte Martin Schläpfer mit einer neuen Choreografie für seine Kompanie. Tenebre (Dunkelheit) ist von der Stimmung her das Gegenteil von Taylors Esplanade, atmet aber keineswegs den brutalen „Hauch des Todes“ aus dem Film der 1980er Jahre. Wohl aber ist Todesnähe spürbar, menschliches Leben jenseits von Sonne und Licht. Die Ästhetik von drei bühnenhohen Gemälden oder Linolschnitten mit halb abstrakten Knochen, Bäumen und Wegen setzt sich in den Kostümen fort. Sie wirken wie Balanchines schwarze „Badeanzüge“ im edlen Haute Couture-Design. Die Tänzerinnen bewegen sich betont artifiziell auf Spitze, zelebrieren Rituale in Soli und Duetten. Solistisch brillant treten immer wieder Marlúcia do Amaral mit Rashaen Arts hervor, Yuko Kato mit Eric White, So-Yeon Kim mit Marcos Menha. Der amerikanische Film- und Konzertkomponist Bryce Dessner fügt diesem neuen Ballett mit seiner rhythmisch harschen, klanglich delikaten Minimal-Musik (Solobratscher: Ralf Buchkremer) einen weiteren Touch aktueller Kunst auf Weltklasseniveau hinzu. Seit Uwe Scholz wohl hat es so ein ästhetisches „Konzert“ der Künste nicht mehr auf deutschen Ballettbühnen gegeben.

Den Höhepunkt des Programms bildet fraglos die zweite Uraufführung, Nils Christes Different Dialogues. Die Choreografie des Holländers ist so klar strukturiert wie die dazu ausgewählte sinfonische Musik von Philip Glass (drei Sätze aus der 3. Sinfonie und der berühmte 2. Satz aus dem Violinkonzert, gespielt von Dragos Manza). Die Kompositionen des amerikanischen Minimalisten verströmen Ebenmaß und Harmonie. Sie kommt Choreografen auch dank ihrer kleingliedrigen Motive und fließenden Bögen entgegen. Aber plötzlich zerbricht das paradiesische Miteinander der Paare. Aus dem Lautsprecher hört man Scheiben und Gläser klirren, Scherben zu Boden krachen. Hinter ein Paar hat sich lautlos ein zweiter Mann geschlichen. Die Frau verfällt ihm – um sich wenig später einem anderen Partner zuzuwenden. Eng in seine Arme gekauert lässt sie sich von der Bühne tragen. Der abschließende Konzertsatz mit seiner wilden Motorik bietet die ideale Klangkulisse für Mini-Duette der 13 Paare – mitreißend, genial!