Don Quichotte im Essen, Aalto-Theater

Don Quichotte - und Carmen ist allgegenwärtig

Ben Van Cauwenbergh setzt sein Programm von Tanz für das Publikum mit einem Literaturklassiker als Ballettkomödie fort. Die harte Arbeit der Kompanie wurde bei der Premiere mit Ovationen belohnt. Van Cauwenbergh peppt das 150-jährige Bolschoi-Ballett Don Quichotte von Marius Petipa auf die Musik von Ludwig Minkus nach Miguel Cervantes' Roman mit komischen Szenen und technischer Finesse auf. Er inszeniert ein Feuerwerk von Soli, Pas de deux und vorzüglich choreografierten und einstudierten Szenen für das Corps de ballet. Die Essener Philharmoniker unter der Leitung von Yannis Pouspourikas entlocken der Partitur des damaligen Bolschoi-Repetitors viel Walzerseligkeit und rassige spanische Rhythmen von Fandango bis Tarantella. Die Fantasiewelt des Ritters von der traurigen Gestalt kreiert Lieve Vanderschaeve wunderbar mit animierten Projektionen. Ausstatter Dorin Gal setzt ganz auf ein klassisches Ambiente mit authentischen Folklore- und Ballettkostümen (bis hin zum Tellertutu). Mit romantischen Kulissen bestückt er den Raum: hinter dem Vorhang, auf dem ein schwarzer Spitzenfächer den blauen Himmel durchschimmern lässt, wird im Prolog Quichottes Arbeitszimmer mit gigantischer Bücherwand sichtbar. Ein spanisches Dorf und ein finsteres Zigeunerlager sorgen in den folgenden Akten, dem Essener Libretto folgend, für eher stereotype Kontraste. Carmen ist allgegenwärtig.

Im Prolog sitzt Don Quichotte (Tomás Ottych) am Schreibtisch und versucht sich als Literat. Ein Berg zerknüllter Zettel türmt sich vor dem Rundbogen, der den Blick freigibt auf seine Fantasiewelt mit putzigen Männchen und Schreckgespenstern. Zart und verführerisch taucht des Ritters Traumfrau Dulcinea (Yulia Tsoi) auf. Er eilt ihr mit Riesenross Rosinante und dem drahtigen Sancho Pansa (ein wendiger Clown: Denis Untila) hinterher, meint sie in der lebenslustigen Wirtstochter Kitri (Yanelis Rodriguez) wiederzuerkennen. Auf hohen Plateauschuhen, die lange, spitze Nase in luftige Höhen gereckt, stelzt er auf sie zu. Da hat er die Rechnung aber ohne die Schöne und auch ohne die Rivalen gemacht - den heimlichen Bräutigam Basile (Aidos Zakan) und den tolpatschig-dümmlichen Gamache (Liam Blair). Kitri flirtet allenfalls mal mit dem Torero Espada (Armen Hakobyan). Der wird allerdings von seiner Geliebten Mercedes (Mariya Tyurina) an kurzer Leine gehalten - tänzerisch ein Traumpaar von superber Eleganz! Auch zwei Freundinnen profilieren sich immer wieder mit technisch bravourösen Einlagen: Yusleimy Herrera León und Yurie Matsuura.

Zwei Höhepunkte heimsten bei der Premiere den meisten, ohnehin reichlichen Szenenapplaus ein: Sancho-Untilas raffinierte Purzelbäume, Handstände und Hechtsprünge auf Quichottes Speerspitze und natürlich der große Pas de deux der schließlich - nach einem gespielten Selbstmord von Basile - vereinten Liebenden Kitri-Rodriguez und Basile-Zakan. Ausgeweitet zum Grand Finale werden ihre Paarsequenzen und Solovariationen noch durch Einschübe der anderen Solisten und des Corps. Wer klassisches Ballett pur liebt, sollte sich Van Cauwenberghs Don Quichotte gönnen.