Kalakuta Republik im Köln, Oper

Afrikas Kraft - beim Tanz in voller Blüte

Serge Aimé Coulibaly tanzte sich bereits in des Belgiers Alain Platels Stücken Wolf undC(h)ores ganz nach vorne, zog mit dem wohl renommiertesten Jungstar unter den Choreographen, Sidi Larbi Cherkaoui, in Tempus Fugit an einem Strang, und machte als sein eigener Choreograph spätestens mit seiner Nuit Blanche à Ouagadougou im Oktober 2014 in der Hauptstadt von Burkina Faso auf sich aufmerksam. Mit einer Tanz-Performance, in der die unruhigen Tage und Nächte rund um den Sturz des Autokraten Blaise Compaoré Bild und Bewegung wurden.

Zum Auftakt des vierten. „africologneFESTIVALS“ präsentierte Serge Aimé Coulibaly mit seinem glorreichen Sextett des „Faso Dance Theatres“ seine neuste Tanz-KreationKalakuta Republik“ in der Kölner Oper. Es ist ein Thema um Revolte und die Rolle der Kunst in chaotischen Zeiten. Coulibaly, international längst hoch gelobt, erinnert und beschwört in seiner Republik den genialen afrikanischen Musiker und Erfinder des Afrikabeats, Fela Kuti, der in den 1970-er Jahren, in den Wirren der nigerianischen Militärdiktatur, mitten in Lagos eine „befreite Republik“ ausrief. Die ungemein produktive Künstler-Kommune mit Studios und Krankenstation machten die Militärs wenig später dem Erdboden gleich.

Dem Erdboden immer wieder gefährlich nahe sind auch die drei Tänzerinnen und drei Tänzer des Coulibaly-Ensembles. Beat drängt sie zur Erde, lässt sie dann explosionsartig nach oben schnellen und bringt ihre Körper zum Rotieren und Zucken. Vor ihnen scheint einer ihr Spiel mitzuspielen, ist aber ein Einpeitscher. Er bremst sie mal abrupt ab, treibt sie dann wieder in rasante und kräftezehrende Körper-Aktionen. Es ist Coulibaly selbst. Stellvertretend für die Einpeitscher und Verführer eines versklavten und korrupten Afrikas. Bis zur Erschöpfung geht das, bis zur Verausgabe aller Kräfte. „Together“ ertönt es eine Zeit lang immer wieder. Durch einen stereotypen, nach vorne drängenden Beat hindurch, der zur Ekstase oder Erschöpfung führt. Sie fallen zu Boden, drängen und winden ihre Körper nach oben, zucken Beine und Arme, sind im gleichen Rhythmus mal vereint, dann wieder völlig vereinzelt.

Der „Regisseur“ fängt sie freilich stets wieder ein. Aus diesem Käfig zuckender Körper gibt es kein Entrinnen. Das geht so eine halbe Stunde lang. Ein Wahnsinn, was das schweißüberströmte Sextett leistet. Mit einer solchen Kraft und Ausdauer – so meint man – müssten Afrikaner ihren dunkelschwarzen Kontinent spielend in die Helligkeit führen, nach vorne bringen, der Welt zeigen, was Energie, Kraft und Wille erreichen können. Wären da nicht die Mugabes und Konsorten, die mit ihnen Katz und Maus zu spielen vermögen.

Ob das, was einer Befreiung von diesen Fesseln folgte, unbedingt besser wäre, scheint Coulibaly zu bezweifeln. Dekadenz droht schnell, lässt er nach der Pause erkennen. Zahlreiche Stühle, chaotisch über- und ineinander verzahnt, übersäen nun die zuvor fast leere Spielfläche. Eine der Frauen tanzt, als wäre sie Callgirl an einer Stange in einer miesen Bar. Eine andere versucht sich als selbstverliebte Sängerin, die dritte und die Männer gehen vereinzelt und einsam ihren eigenen Bewegungs-Eskapaden nach. Wahnsinn scheint sie gepackt zu haben, Leere ihre Herzen und Hirne. „All that Glitter is not Gold“ läuft ein Spruch über die nun vor Farbe sprühende Leinwand. Und dass „Decadence Can Be an End Itself“ wird hemmungslos und erkennbar durchtanzt.

Doch Coulibaly will auf den Traum von der Kalakuta Republik, die Fela Kuti einst schuf, nicht verzichten. Es wird heller in den Gesichtern der Tänzer. Der zuvor gnadenlos vorwärts treibende Beat läuft aus. Es wird ruhiger, die Musik folgt bekannten afrikanischen Rhythmen. Und mit ihnen schaffen es die Akteure, bis auf eine der Frauen alle schwarz, aus der Dekadenz in ein selbstbestimmtes Leben, in Gemeinsamkeit und Zuneigung: Die Männer nehmen die Frauen auf die rechte Schulter, verlassen die Bühne, ziehen hinauf in den Zuschauer-Block – und verschwinden. Das wirkt als Zeichen der Hoffnung: zurück zu den Wurzeln, die von Unterdrückung und Dekadenz völlig verschüttet waren.

Die Tanz-Performance, eine Koproduktion von „Festival de Limousin“ in Limoges, den „Halles des Schaerbeek“ in Brüssel, des „Tarmac de Auteurs“ im kongolesischen Kinshasa und des „Festival Récréâtrales“ von Ouagadougou wird noch im „HAU“ in Berlin, im „Kampnagel“ Hamburg und im Tanzhaus NRW in Düsseldorf zu sehen sein.