Carnival of the Body im Asphalt Festival Düsseldorf

Männer sind Männer

Die Bühne in der Glashalle im Weltkunstzimmer ist fast leer, nur am linken Rand eine Garderobenbank mit ein paar Sportsachen. Ein mit Folie ausgeklebtes Quadrat deutet möglicherweise den „Ring“ an, denn schließlich erwartet uns „zeitgenössisches Wrestling“, das meint doch vermutlich etwas wie einen Show-Kampf: Catchen, nur eben fingiert, kein echter Kampf, nur fake. Doch kraftstrotzende Männer mit massigen Muskelpaketen gehören wahrscheinlich dazu. Das suggeriert auch der Titel der Show, der uns ein Fest des Körpers, einen Karneval des Bodys verspricht. Natürlich des Männerkörpers, maskulin und protzig!

Doch gleich der erste Auftritt schafft die Umkehrung aller Erwartungen, das Abräumen (intendierter?) Klischees, die perfekte Entprotzung.

Zwei schlanke Gestalten in bodenlangen silberglitzernden Mänteln - durch Ganz-Kopfmasken anonymisiert und geschlechtslos - betreten die Bühne, während die verhaltene Variation eines Gongschlags zu Unrecht einen Fight-Beginn assoziiert. Stattdessen eine akrobatische Szene: Einer baut sich auf dem gebeugten Rücken des anderen auf, ersteigt seine Schultern, seinen Kopf und die hochgestreckten Hände, erhebt die Arme zur triumphalen Geste himmelwärts in babylonischer Selbstüberhöhung. Ein greller Lichtstrahl fällt von hinten auf die Figur, lässt die Gewänder transparent durchglitzern und könnte auf das Zitat von Sharon Mazer im Programmheft verweisen, dass echte Kunst zugleich verschleiern und enthüllen soll. Dann fällt das oszillierende Duo zurück in den Kriechgang, zu dumpfen Kontrabass-Streichen bewegt es sich rhythmisch am Boden.

Szenenwechsel: zwei Männer mit gut durchtrainierten Körpern - aber keineswegs mit Muskelpaketen bepackt - nehmen auf der Garderobenbank Platz. Bei rhythmischen Gesten beginnen sie sich mit völlig synchronen Bewegungen anzukleiden, verzehren gemeinsam eine Banane, nehmen Blickkontakt auf ohne miteinander zu reden.

Die nächste Szene trifft am ehesten die Erwartungen: zu perkussiver Soundbegleitung simulieren Tim Behrens und Florian Patschovsky eine Art Wrestling-Persiflage mit fiktiven Schlägen und Attacken, akrobatischen Showeinlagen, präzise rhythmischen Würfen und Sprüngen und fast tänzerischen Formationen. Was allerdings zum „echten“ Wrestling dabei fehlt, ist die Rollenverteilung in Gut und Böse, in Face und Heel.

Abermals Szenenwechsel: Eine Nonsens-Nummer mit endlosen Mikrofonkabeln, die am Ende gar nicht angeschlossen sind, sodass das wahnwitzige Gelächter, das in Gebrüll, Grunzen und Würgen endet, in Wahrheit aus dem Off kommt. Dieses Lachen wirkt nicht ansteckend, vielmehr erschreckend, verstörend, beängstigend. Während sich Patschovsky in dieser Ich-Verlust-Nummer am Boden wälzt, beginnt Behren seinen „Body“ zu erkunden, schlägt und verdreht seine Glieder und landet schließlich als skurrile Model-Persiflage mit dickem Hanf-Zopf und hässlicher Strumpfmaske auf einem imaginären Laufsteg. Grotesk und zynisch zugleich. (Als Beitrag zur Gender-Diskussion reicht das allerdings nicht.) Als Schlussbild noch einmal ein Kunststück auf jetzt silberglänzender Bodenfolie und zu Jubelgebrüll aus dem Lautsprecher- wie aus einem Stadion – kommen die Performer auf das Publikum zu, klatschen einander in die Hände. Ist das noch Theater oder schon Applaus? Jetzt sind wir eins.

Jede Szene in sich ist eindrucksvoll, doch das Ganze zusammenbringen muss dann wohl jeder für sich, jeder in seinem eigenen Kopf. Und wenn im Programmheft auf Butler, Foucault und Mickey Rourke verwiesen wird, ist das doch ein bisschen hoch gegriffen. Rollenbilder und Tabus werden humorig und effektvoll theatralisch angespielt und persifliert, das mag genügen für "Zeitgenössisches Wrestling".