My Generation im Köln, Schauspiel

Weich und herb – Klassik mit Beat vermixt

Lang ist’s her, über zwei Jahrzehnte, dass sich die Millionenstadt Köln, selbstverliebte Kulturmetropole am Rhein, nicht entblödete, ihr letztes hauseigenes Tanzensemble, Jochen Ulrichs „Tanzforum“, in die Wüste zu schicken. Von da an blickte man neidisch den Rhein abwärts nach Düsseldorf, war auf eine agile freie Szene angewiesen - und beschied sich selbst mit Gast-Ensembles, die den Tanz- und Ballett-Fans der viertgrößten deutschen Stadt immer wieder vor Augen führten, was die Ignoranz der Kulturpolitiker ihnen vorenthielt.

Ein bescheidener Versuch soll jetzt die langjährige Mutlosigkeit ein wenig erträglicher machen. Kölns Schauspiel wird zunächst drei Jahre lang mit dem in München beheimateten „Ballet of Difference“ Richard Siegals in „künstlerischer Partnerschaft“ kooperieren. Den Auftakt dazu durften die Tanz-Enthusiasten jetzt erleben. My Generation bereits im Mai in München uraufgeführt, ist Siegals und seiner Truppe erste Präsentation im Depot des ins rechtsrheinische Mülheim ausgelagerten Schauspiels. Da, wo die berühmt-berüchtigte türkisch geprägte Keupstraße im wahrsten Wortsinn „um die Ecke“ liegt.

Bunt und poppig: Auftakt mit POP HD

Poppig bunt knallt der Auftakt in die Halle. POP HD ist denn auch der Titel des ersten der drei Stücke. Wie Hammerschläge tönt die Musik („Atom“), treibt die Tänzerinnen und Tänzer in verzückte Zuckungen und lässt sie gleichwohl, oft auf Spitze tanzend, an klassische Muster erinnern. Der Rhythmus treibt sie an, lässt die Körper rotieren und wieder zusammensinken. „20 Hertz“ gibt eine Stimme vor und ergänzt: „Ich bin meine Maschine“. Bis in die Zehntausende Hertz steigern sich Musik und Rhythmen, bis an Maschinengewehr-Salven erinnernde Knaller das Stück beenden.

Weich und verführerisch: Excerpts of Future Work on the Subjects of Chelsea Manning

Fließend weich, oft zur Zeitlupe zerdehnt, konterkariert das zweite Stück den grellen Beginn. Ein Paar, ganz in Weiß, umtänzelt sich, nähert sich einander an – und verliert sich wieder. Eine kurze Pause, und dem Unschulds-Duo nähert sich, aus dem Hintergrund kommend, ein schwarzer Hüne von Gestalt. Dramatik liegt in seinen Bewegungen, grandios spielt er mit gebändigter Kraft. Der Körper wird zum dramatischen Ausdruck.

Es geht um Trennung, die er in Bewegung bringt. Noch beobachtet das weiße Paar den Verführer aus der Distanz, ehe der, in der dritten Mini-Szene dieses Stücks, den Mann von seiner Geliebten weglockt. Grandios, wie sie ihm entzogen wird, der schwarze Fremde aus dem Heterosexuellen einen macht, der sich mehr und mehr entfremden lässt und den Männern zuzuneigen beginnt. Dumpf sind die Klänge, langsam der Rhythmus der Entfremdung. Am Ende bleibt sie zurück, hoch auf einem Sockel verharrend und verloren.

Mitreißend ist dieses in drei kurze Fragmente zerlegte Stück, weil es Siegal gelingt, klassische Ballettsprache mit Pop-Elementen so miteinander zu verzahnen, dass keine Brüche entstehen. Dass immer wieder auf Spitze getanzt wird, klassisch anmutende, weit ausgreifende Bewegungen nicht im Widerspruch zum permanent vorwärts treibenden Stakkato-Drive stehen, ist eine bewundernswerte Leistung. Vom Wirbel der Körper, den geradezu sinnverwirrenden Windungen, Drehungen und Sprüngen des Elfer-Ensembles ganz zu schweigen.

Beat und Schattenspiele: BOD ist Schluss- und Höhepunkt

Ästhetischer und tänzerischer Höhepunkt ist freilich die Choreographie „BOD – Ballet of Difference“, in der Beat und Spitzentanz eine faszinierende Einheit eingehen. Soli wechseln mit Pas de Deux, Musik wie von Glaskugeln begleitet die Tänzer, die, wie zu einer Etüde, zusammenfinden, miteinander tanzen, die Fläche wieder verlassen – um wenig später wiederzukommen.

Dann ändert sich das Licht – und die Künstler, immer wieder in unterschiedlichen Zuordnungen und Konstellationen tanzend, erscheinen auf einer hellen Hintergrundfläche als Schattenspieler. Dann wird der Beat der Musik wieder heftiger, die Bewegungen steigern sich ins Extreme. Der Gedanke an forcierte Herzschläge drängt sich auf.

Schließlich ist das Ende nahe, nur noch eine einzige Tänzerin auf der Bühne. Sie schlägt die Hände einige Male gegeneinander, löst damit Töne wie Hammerschläge aus – und der 100 Minuten lange kraftvolle, emphatische und mitreißende Abend endet in einem nicht enden wollenden Applaus, der sich schließlich gar zu stehenden Ovationen auswächst.

P.S.: Bleibt zum Schluss aber doch noch festzuhalten: Es war die erste und vorerst einzige Vorstellung des neuen Partners aus München am Rhein. Leider.