Rito/Un im TanzFaktur Köln

Installative Performances aus der europäischen Tanzszene

 

Die vor allem mit Skulpturen und Plastiken hervorgetretene Bildende Künstlerin Susana Guerrero und die Choreografin Asun Noales sind beide im Jahre 1972 im spanischen Elche geboren. Doch erst vor wenigen Jahren lernten sie einander kennen. Rito, eine Arbeit der in Spanien renommierten, längst auch über das Heimatland hinaus tourenden Kompanie OtraDanza („anderer Tanz“) von Asun Noales ist das allererste Kooperationsprojekt der beiden valencianischen Künstlerinnen. Nicht von ungefähr fanden die meisten Gastspiele der etwa 30minütigen Choreographie in Museen statt: Die Arbeit, als „künstlerische Installation für zwei Tänzer“ bezeichnet, ist stark von der Bildenden und Skulpturalen Kunst beeinflusst. Die plastische Arbeit von Susana Guerrero, die sich in reiner Form im Bühnenbild wiederfindet, setzen die beiden Damen in der Darstellenden Kunst fort: Die beiden Tänzer wirken vor allem zu Beginn wie Fleisch gewordene Skulpturen.

Einhundert identische weiße Jaguar-Schädel aus glasiertem Ton begrenzen die kreisrunde Tanzfläche, die mit lehmfarbenem Sand oder Mehl bedeckt ist. Die zähnefletschenden Raubkatzen beschützen die Tänzer, die inmitten dieses Kreises liegen, nackt mit Ausnahme einer kurzen Hose und ebenso lehmbeschmiert und -verkrustet wie der Tanzboden. Wir hören Glockenläuten und einen sakralen Chor – die Atmosphäre hat etwas Kontemplatives. Es sind liturgische Melodien der Capella de Musica de Santa Maria del Mar aus Barcelona, denen wir zu Beginn von Noales‘ Performance lauschen, und möglicherweise ist ja auch die Farbe des Sandes inspiriert von der berühmten Kathedrale, deren Fenster teilweise mit Glasmalereien geschmückt sind, die ebenfalls in Erdtönen gehalten sind. Wer die Geschichte der Kathedrale kennt, kann noch weiter phantasieren: Bei dem großen Erdbeben des Jahres 1428 fiel das große, kreisrunde (!) Fenster der Hauptfassade von Santa Maria del Mar auf den Platz vor der Kathedrale und tötete 30 Menschen. In einem solchen Kreis liegen jetzt wie tot die Plastiken aus menschlichem Fleisch.

Asun Noales und Sebastian Rowinsky, die beiden Tänzer, erwachen nun jedoch langsam zum Leben. Zu einem Kyrie Eleison beginnen sie sich unter unendlich langsamen, zeitlupenartigen Windungen zu erheben – in innigem Kuss. Lange, sehr lange werden sie ihre Lippen nicht voneinander lösen. Die Körper sind ineinander verschlungen, aber gleichzeitig verschlingen sie einander. Als sie sich endlich mehr und mehr voneinander entfernen, löst sich aus ihren Mündern ein endlos langer roter Faden, der Mann und Frau weiterhin miteinander verbindet. Ist er rot wie Blut oder rot wie die Liebe? Oder ist es vielleicht eine Art Ariadnefaden, anhand dessen die Partner zueinander zurückfinden, wie weit und wie verworren sie sich auch voneinander entfernt haben? Denn die Choreographie wird immer akrobatischer: Noales steht auf und tanzt, Rowinsky macht Kopfstände – gegenläufige Bewegungen anstelle von Harmonie entwickeln sich, aber mit Hilfe des Fadens wickelt die Frau den Mann ein, und sie gehen einander nicht verloren. Mehr und mehr löst sich die mehlige Verkrustung der Körper, die dadurch lebendiger, aber auch erotischer wirken. Es ist nun keine sakrale Musik mehr, die erklingt, sondern David Langs Song „Just“, in dem alles besungen wird, was bei einem Partner begehrenswert erscheinen kann: „just your veins / just your hair / just your teeth / just your lips …“

Doch die Beziehung scheint sich (noch) nicht harmonisch zu entwickeln: Irgendwann kauert sich Asun Noales auf Rowinskys Lenden, und sie sieht aus wie ein Rabe. Wir erleben ein immer heftigeres, vielleicht auch verzweifeltes Aneinandervorbei und Zueinanderhin, ein Auseinanderstreben und ein Zusammenwollen. Wie in früheren OtraDanza-Arbeiten wohnen wir einem intensiven Ringen um Selbstbehauptung bei. Der Ritus mündet in ein Irrewerden – oder ist es schlicht Ekstase? – Nun, was mit dem Kyrie eleison begonnen hatte und sich mit einem irgendwie verzweifelten Lobgesang auf den Körper fortgesetzt hatte, endet klassisch, leise, harmonisch: mit Wiegen und Streicheln. Rowinsky, jetzt ein starker Herkules, hebt Noales empor auf seine Schultern, trägt die Willenlose, Anschmiegsame zum Tanz. - All’s well that ends well? Vielleicht, soweit es diese Geschichte angeht. Sicher, was diese poetische, atmosphärisch dichte Choreografie angeht.   

Die sei vor allem von der skulpturalen Kunst des alten Griechenlands beeinflusst, haben wir vorher erfahren, und tatsächlich wirken die beiden Tänzer vor allem zu Beginn, als der mehligen Sand noch vollständig an ihnen klebt, wie antike Skulpturen an einer Ausgrabungsstätte im mediterranen Raum. Gegen Ende liegen Assoziationen an einen Herkules nahe. Die Musik verweist aber auch auf christliche Motive der installativen Performance; insbesondere zu Beginn nimmt die Performance Anleihen bei Opfer-Ritualen. Der Jaguar entstammt der mexikanischen Mythen-Tradition; er ist bei den Maya assoziiert mit Tod und Opferung und ein Symbol der Sonne in der Unterwelt. Hier nun schützen einhundert Jaguar-Köpfe die Intimität des Paares, von ihrem Erwachen zum Leben über Trennung, Kampf, körperliche und seelische Liebe bis hin zur Harmonie. Langer Applaus.

 

Wie Susana Guerrero ist auch die einunddreißigjährige Marie Gourdain eine Vertreterin der Bildenden Kunst. Sie wurde in Frankreich mehrfach für ihre plastischen Arbeiten ausgezeichnet und legte im Jahr 2016 mit Un, der zweiten Choreografie, die die „Sommerakademie“ der TanzFaktur Köln an diesem Abend in einer „Double Bill“ zeigt, ihre erste eigene Arbeit im Bereich des Tanztheaters vor. Die Arbeit wirkt abstrakter als die häufig einschmeichelnde Choreografie der beiden Spanierinnen zuvor; sie ist anstrengender und weniger variantenreich, was jedoch an ihrem Sujet liegen mag. Un beschäftigt sich mit dem Überwinden von Hindernissen und Beschränkungen im Raum. Im Rechteck sind Bänder gespannt über eine Art Turnhallenboden. Ganz still, zunächst ohne begleitende Musik befindet sich der Tänzer Florent Golfier in diesem Rechteck. Ganz langsam bewegt er seine Arme, die lange Zeit über das Zentralorgan seiner performativen Bewegungen bleiben. Erst nach langer Stille erhebt er sich. Golfier verändert die Bewegungen seiner starren Extremitäten so lange, bis er die Balance verliert – oder ist es die Konzentration? - Musik kann man das nicht nennen, was aus den Lautsprechern tönt: der minimale, fast unangenehme Sound schwingt im Einklang mit dem Körper des Tänzers, schwillt wellenförmig an und ab. Erst als Golfiers Bewegungen schneller und tänzerischer werden, wird auch der Soundtrack lauter, der an diesem Abend die Bewegungen des Tänzers abbildet.

Außerhalb des Carrés befindet sich Marie Gourdain selbst. Sie bleibt maximal ruhig, geht allenfalls gemessenen (und abgemessenen) Schrittes um das Rechteck herum. Bis dass sie dann doch eingreift: Sie beginnt die Lebensbedingungen des Tänzers zu verändern. Die Bänder werden in der Höhe und der Richtung neu ausgerichtet, und der Tänzer muss sich den neuen Bedingungen anpassen. Es ist, als seien die Bänder Leit- und Werteplanken, die stützen und halten sowie Orientierung geben. Aber durch Beeinflussung von außen werden sie neu gezogen. Das ermöglicht zwar neue Blicke und das Durchbrechen alter Routine, verunsichert aber auch und erschwert Begegnungen. Golfier tanzt und springt und windet sich über die Bänder hinweg und unter ihnen durch, muss mehr und mehr kämpfen. Zunehmend wird der Tanz zum Stolpern, zum Kampf mit der Materie. Ist es Ermüdung oder ein Altersprozess, den wir beobachten? Wird die Umwelt feindlicher oder lässt die Kraft zu ihrer Beherrschung nach? Ein kurzes Lachen ist die einzige Äußerung, die wir von Florent Golfier hören werden – es ist ein verzweifeltes Lachen wie das eines Überlebenskämpfers, der spürt, dass er den Kampf möglicherweise verlieren wird. All is lost? Golfier kämpft nun auch mit einem Winkel aus Holz; er rackert sich ab – und Gourdain sieht emotionslos zu, verschiebt die Barrieren und erhöht den Schwierigkeitsgrad der Übungen für ihren Schützling.

Es ist das Fragile, Labile, Brüchige des Seins, das wir erleben. Der Mensch, allein und in Ruhe gelassen, bewegt sich kaum. Doch schon die minimale Präsenz des anderen verändert seine Lebensbedingungen. Sie weckt seine Kreativität und seine Beweglichkeit, aber wie leicht beginnt sie ihn auch zu überfordern! Erst am Ende beginnen die beiden Performer miteinander zu interagieren, aber die Interaktion führt nicht zu einer Zweisamkeit. Kurz scheint es, als tauschten sie die Rollen: Er ist nun außen, sie innen. Den Kampf gegen die Materie hat er verloren. Er bricht zusammen, sie räumt auf. Er war so etwas wie ihre Marionette.