Heroes im Asphalt Festival Düsseldorf

Zeitgenössischer Straßentanz verzaubert im Hinterhof

Das ASPHALT-Festival ist noch nicht eröffnet, doch der improvisierte Biergarten boomt schon, es riecht nach Bratkartoffeln und Waffeln und das eher alternative Festival-Publikum genießt den etwas unfeinen Industriecharme vergangener Zeiten auf dem Hinterhof einer ehemaligen Bäckerei, Farbfabrik oder Autowerkstatt.

Das Festival-Motto lautet in diesem Jahr STADTGESTALTEN und wagt sich mit theatralen Aktionen und Experimenten nicht nur auf die Hinterhöfe von Flingern, sondern auch in U-Bahnstationen, Geschäfte am Bahnhofsvorplatz und an die Haustüren der Nachbarn. Die Stadt soll zur Spielwiese der „KUNSTZERSTÖRER “ werden.

Wir werden die beiden Festivalleiter Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletic - die das Event zum fünften Mal kreierten - bei ihren performativen und partizipativen Aktionen neugierig und kritisch begleiten.

Das Fest ist eröffnet, wir strömen in die ausverkaufte „Glashalle“, eine Industriehalle ganz ohne Fenster, in der die vordere Wand völlig fehlt: wir schauen auf den mit ungleichmäßigen, abgefahrenen Kopfsteinen gepflasterten Innenhof, auf dem das abendliche Treiben weitergeht und einen Anflug von „Straßenleben“ aufkommen lässt. Mit dreißig Minuten Verspätung tauchen sie dann tatsächlich auf diesem unfeinen Hof auf, die „Helden des zeitgenössischen Straßentanzes“.

Langsam, verhalten, konzentriert erscheint eine nach der anderen Tänzerfigur dunkel gegen das Abendlicht. Sieben Männer, alle in enganliegenden Catsuits, jeder in einer anderen Farbe und unterschiedlichem Zuschnitt. Sie stellen sich neben der kleinen, nur drei mal drei Meter großen, wenige Zentimeter erhöhten Tanzfläche auf und verharren bewegungslos. Erst dann erscheint die Frau: groß, dunkel, kraftvoll betritt sie das Tanzpodest. Von draußen dringen Stimmen in den Raum, erst dann beginnt die Musik: sanfte Cellotöne gehen in weiche, klassische Streichmusik über, dazu bewegt sie sich entschlossen, raumgreifend. Zwei Männer kommen dazu, umtanzen sie ohne Blick- oder Körperkontakt, verharren regungslos am Boden und ziehen sich rückwärts zurück.

Dann wechselt die Musik. Ein seltsames Ticken und Scharren ertönt, Anklänge an Minimal Music. Ein Tänzer in rotem Suit tritt aufs Podest, zuckend bewegt er zunächst nur den Kopf, dann Schultern und Körper, schließlich betanzt er die ganze Fläche mit kantigen, spastischen Bewegungen. Suchend, sehnsuchtsvoll geht er auf die anderen zu, vergeblich. Wieder bricht die Musik ab, Trommelnd und dröhnend setzt rhythmische Perkussion ein: alle Tänzer finden sich auf der kleinen Tanzfläche ein, bewegen sich in äußerster Konzentration, Gestaltungskraft und Schnelligkeit umeinander und miteinander, immer noch, ohne sich zu berühren, ohne sich anzublicken: jeder tanzt völlig für sich und doch zugleich in einer unglaublichen Gemeinsamkeit. Zweimal kommt es zu einer Umarmung, einmal wird die schöne Frau in die Höhe gehoben, doch alles verliert sich wieder in der Isolation. Formationen entstehen für wenige Momente und zerfließen sogleich wieder. Sprechgesang und Folkloristische Klänge lösen ein wenig die Spannung und Intensität, ein Tänzer in erdig- braunem Trikot tanzt am Boden, deutet ein Rotieren um die Körperachse an, erinnert an Figuren des Breakdance, die sich aber gleich wieder auflösen. Auch abrupte Unterbrechungen, die die Tänzer in ungewöhnlichen Posen erstarren lassen oder das Tanzen fast aus dem Stand lassen uns an Ursprünge im B-Boying denken.

Draußen wird es langsam dunkel, einige Besucher des folgenden Abendkonzertes schauen uns von draußen zu, Stimmen schwirren in den Saal. Dann schauen die Tänzer ins Publikum, schauen einander an und verschwinden langsam auf dem Hof zwischen den Menschen: Streetart bis zum Schluss.

Aber nein: diese acht Künstler huldigen zwar den „Helden“ des Urban Dance, ihren Anregungen, Leidenschaften und Kämpfen in der Gesellschaft der siebziger Jahre, doch was der tunesische Choreograf Radhouane El Meddeb aus diesen Impulsen schafft, ist eine heutige, uns hier und jetzt zutiefst betreffende Tanzperformance zu Einsamkeit und Sehnsucht, zu Isolation und dem Versuch, Grenzen zu sprengen.

Das Publikum war begeistert und spendete Standing Ovations. Ein intensiver Festival-Auftakt!