Romeo und Julia im Bielefeld, Stadttheater

Neoklassiker sportlich und abstrakt

Nicht umsonst deklariert Simone Sandroni seine Romeo und Julia - Choreografie als „Uraufführung". Der Italiener, seit 2015 ostwestfälischer Tanzchef, bietet in der Tat einen völlig neuen Ansatz, Shakespeares Liebestragödie zu Prokofjews Ballettmusik auf die Bühne zu bringen. Er konzipierte den modernen Klassiker in Zusammenarbeit mit seinen zehn Ensemblemitgliedern. Dass die Aufführung lediglich 80 pausenlose Minuten dauert (anstelle der 140 Minuten von Prokofjews meist gespielter „Leningrader Fassung") und den Tanzenden keine Rollen zugewiesen sind, ist Fingerzeig genug, dass hier mit abstraktem Tanztheater zu rechnen ist anstelle eines symphonischen Balletts nach klassischem Vorbild. Und in der Tat: Sandroni setzt völlig auf die Emotionen der handelnden Personen und das, was die Kontemplation darüber in den Tanzenden auslöst.

Er hält sich an Pina Bauschs Technik der Stichworte und Fragen an die Tänzer als Probenritual, etwa Liebe, Sterben, Trauer, Rivalität. Entstanden ist ein Bilderbogen von überbordend dynamischer, akrobatischer Power und latenter Aggressivität mit spektakulären technischen Effekten aus Licht (Johann Kaiser) - meist in weiß, hellblau und schwarz - und Video-Einspielungen (Barbara Schröer), beginnend mit einer verfremdeten Tanzsequenz des nackten Liebespaares und später den Gesichtern Einzelner in Großaufnahme, wenn sie heiter, ernst oder mit tränenerstickter Stimme über eigene Lebenserfahrungen und Ängste sinnieren.

Die ganze Breite der Bühne bis hinein in die Kulissengänge, wo Kleiderständer die kaum enden wollenden Kostümwechsel signalisieren, wird genutzt (Ausstattung: Stephan Mannteuffel). Zwei Stufen über dem Orchestergraben führen hin zum Parkett, werden aber kaum genutzt. Über der weißen Tanzfläche schwebt mittig ein gigantischer Zylinder aus weißen Kautschukbahnen wie man sie von Hotel- oder Kaufhauseingängen kennt. Er senkt sich und die Tänzer schreiten leicht durch die wallenden Bahnen. Das gibt vor allem ein berückendes Bild, wenn sie Arme und Körper wellenartig schwingen oder in der angedeuteten Ballszene synchron wogen. Auch andere Schlüsselszenen werden gestreift. So kulminiert die mehrmals angedeutete Balkonszene in einem eher grob aggressiv wirkenden Duett (Tiemen Stemerding und Johanna Wernmo). Anrührend dagegen kommt am Ende Julias Trauer um Romeo und ihr eigener Tod herüber. Mit schwarzer Kutte oder Magier-Outfit tritt mehrfach in unterschiedlicher Gestalt „Pater Lorenzo" auf - ebenso offenbar die rivalisierenden Väter (Jacob Gómez Ruiz, Alexandra Blondeau). Bewusst wird in den meisten Konstellationen auf die vertraute Genderzuordnung verzichtet - besonders auffällig bei dem verwundeten, sterbenden Mercutio: der markige Brecht Bovijn vollführt beeindruckende athletische Eskapaden in einem (scheußlichen) langen, ärmellosen Kleid.

Die Idee, das Orchester auf der Hinterbühne zu platzieren, zahlt sich einmal mehr aus. Der Klang kommt so viel klarer über als aus dem Orchestergraben. Der neue Kapellmeister Gregor Rot hat Tempi, Dynamik und Colorit der Partitur  souverän im Griff. Ob er sie allerdings passgenau für diesen Abend zurechtgestutzt hat - darüber schweigt das Programmheft.

Das Premierenpublikum ließ sich von dem Bühnenzauber gefangen nehmen und begeistern. Mit fast zehnminütigen stehenden Ovationen dankten die Zuschauer für eine Show, bei der die kleine, neu zusammen gestellte Truppe alle Register zog.