Old, New, Borrowed, Blue.... im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Kleine Truppe tanzt große Namen

 

Hochzeitsstimmung kam auf angesichts des augenzwinkernden Titels für den neuen Vierteiler von Bridget Breiners Ballett im Revier. Denn englische (und amerikanische) Bräute sollten am Hochzeitstag etwas Altes (möglichst Familienschmuck), etwas Neues (das Kleid natürlich), etwas Geliehenes (von der besten Freundin?) und etwas Blaues (na klar: frivol! z.B. ein blaues Strumpfband) tragen als Omen für ein glückliches Eheleben. Festlich und fröhlich ging es denn auch bei der Premiere her angesichts des staunenswerten tänzerischen Niveaus von Deutschlands womöglich kleinster, bester neoklassischer Truppe und der eindrucksvollen choreografischen „Gästeliste".

David Dawson, Breiners Favorit spätestens seit er seine auch in Essen und Gelsenkirchen aufgeführte Giselle der Amerikanerin auf den Leib choreografierte, steuerte zum Auftakt etwas keineswegs Altes (im Sinne von „altbacken") bei, aber immerhin etwas hier Bekanntes: sein hochvirtuoses Bach-Ballett The Sweet Spell of Oblivion (Der süße Hauch von Vergessen) für vier Tänzerinnen und zwei Tänzer sorgte bereits vor drei Jahren in Gelsenkirchen für Furore. Kam es in der jetzigen Besetzung bei der Premiere noch recht bemüht über, so ist es genau das Material, an dem so ein Ensemble wachsen kann.

Ganz neu in dieser Region ist die älteste Choreografie des Abends, Uwe Scholz' Jeunehomme von 1986 auf Mozarts Klavierkonzert Nr. 9, komponiert vermutlich für die Klaviervirtuosin Louise Janimy (Künstlername „Jeunehomme"), Tochter vom Mozart-Freund und Stuttgarter Ballettreformer Jean Jacques Noverre, nach dem die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft zur Förderung choreografischen Nachwuchses benannt wurde. Sie unterstützte das Ausnahmetalent Scholz seit Beginn.

Als Abschiedsszene eines Liebespaares hat Scholz das Andantino choreografiert. In Gelsenkirchen tanzen Carlos Contreras und Lucia Solari (als Gast aus Kiel) den Pas de deux mit absoluter Präzision und technischer Brillanz, die die südamerikanische Ballerina im Soloteil zur Klavierkadenz noch unterstreicht.

„Geliehen" ist Bridget Breiners eigener Beitrag, In Honour of. Sie hat das Drei-Personen-Stück auf Musik des Letten Georgs Pelécis als Hommage auf Henry Purcell (mit dessen Oper „The Fairy Queen" in Breiners Choreografie „Prosperos Insel" für die Ruhrfestspiele sie sich intensiv beschäftigt hat) für das Lettische Nationalballett Riga konzipiert. Es atmet nordische Rustikalität und Mythologie, irritiert aber durch das einzige Requisit im düsteren Bühnenambiente, einen beweglichen Scheinwerfer, der immer wieder grell ins Parkett leuchtet - ob absichtlich oder aus Versehen ist nicht auszumachen.

„Blue" ist immer ein bisschen verrückt. Ji?í Kylián kann wie wenige damit choreographisch jonglieren. Seine Indigo Rose hat er 1998 für den Nachwuchs des Nederlands Dance Theater kreiert, dessen Direktor er damals noch war. Ein Meisterwerk moderner Theaterarbeit ist ihm da wieder einmal gelungen. Zu Beginn wird eine Schnur diagonal über die Bühne gespannt. Später spult sich daran ein weißer Vorhang auf. Bunte Männchen und Weiblein hampeln in unterschiedlichsten Formationen, bespielen den Raum mit genialen Mustern, Posen, Sprüngen und Hüpfern, gefrieren und lauschen barocken Klängen oder setzen sie in Bewegung um - was für ein Spaß!