Hieronymus B. im Theater und Konzerthaus Solingen

La Belle et la Bête im Garten der Lüste

„Wer im Paradies lebt, sollte nicht vergessen, dass es die Hölle gibt.“ - So fasst Nanine Linning die Bilder des brabantischen „Lustgärtners“ und „Höllenforschers“ (Die ZEIT) Hieronymus Bosch zusammen. Eine Warnung, die, blicken wir von der Höhe unseres paradiesischen Wohlfahrtsstaats auf die Welt um uns herum, noch heute von großer Aktualität ist. Man muss sich den Renaissance-Maler, dessen Umwelt noch vom Ausgang des Mittelalters beeinflusst war, als einen zu seiner Zeit sehr modernen politischen Menschen vorstellen, der in seinen häufig satirisch gemeinten Werken mutige Gesellschafts- und Kirchenkritik äußerte. Seine überbordende Phantasie und seine surrealen Kompositionen haben auch die Maler späterer Jahrhunderte immer wieder fasziniert und beeinflusst.

Vor elf Jahren hat Nanine Linning schon einmal die Bilder eines Schreckensmalers in eine faszinierende Choreografie überführt. Bacon wurde damals zur Tanztheater-Inszenierung des Jahres in den Niederlanden gekürt. Im Vorfeld von Hieronymus Boschs 500. Todestag im Jahre 2016 hat die mittlerweile die Tanzsparte am Theater Heidelberg leitende Choreografin sich mit ihrem niederländischen Landsmann beschäftigt, in dessen Tradition auch die Arbeiten von Francois Bacon gesehen werden können: mit seinen Höllen, den Todsünden, den erst aufgeilenden, dann schmerzhaften Lüsten - und den Monstern, die sogar noch das Paradies bevölkern. Analog zu zahlreichen Arbeiten des Niederländers hat Linning ihre Choreografie als Triptychon gestaltet.

Für den ersten und den zweiten Teil wird das Publikum geteilt. Zunächst einmal werden wir im Theater Solingen auf die Bühne geführt, wo wir uns wie in einem Ausstellungsraum frei bewegen. Wir bahnen uns unseren Weg durch das Gedränge eines mittelalterlichen Marktplatzes. Gaukler und Narren, bizarre Monster und Fabelwesen bedrängen uns, scherzen und schäkern, tauchen auf und tauchen unter in der Menge, die wie in einer Ausstellung an verschiedenen von dem Künstler-Duo „Les Deux Garçons“ geschaffenen Skulpturen vorbeidefiliert. Es sind deren sieben - analog zu den sieben Todsünden, mit denen sich Bosch in seinem Werk wieder und wieder beschäftigte. Manche dieser Bilder erkennen wir wieder: aus Boschs bekanntestem Werk, dem „Garten der Lüste“ vor allem; auch glauben wir Motive aus dem „Heuwagen“ zu erkennen. Da ist das Ohr aus dem Höllen-Flügel des um 1500 entstandenen Triptychons, durchbohrt von einem überdimensionalen Messer. Es ist bewohnt - von Boschs schwarzem Teufel? Ganz langsam kommen aus diesem Ohr die Arme, dann der Kopf einer Tänzerin zum Vorschein. Sie ist nackt (resp. in ein fleischfarbenes Nackt-Kostüm gezwängt) - sehen wir die Geburt der Wollust? In die Saiten einer Harfe, die wir ebenfalls aus Boschs Höllen-Flügel kennen, ist ein Mensch eingespannt - ein Sünder, der sich nicht befreien kann? Ein Musiker, der mit den zauberhaften Klängen der Harfe die „Musik des Fleisches“ produziert, wie die mittelalterliche Kirche die Todsünde der Wollust gelegentlich bezeichnete? Mehrfach taucht in der Aufführung ein grüner Flötenmann auf, der die Menschen mit seiner Musik in Versuchung führen möchte. Im Gewimmel begegnen wir Elefantenmenschen, einem giftgrünen Insekt mit einem langen Trompetenschnabel sowie einem seltsamen Wesen, das dort, wo gewöhnliche Menschen ihr Geschlechtsteil verhüllen, eine Art Knopf trägt. Bei fahrenden Gauklern kann der Besucher sich im Würfelspiel versuchen: Auch Spielsucht und Falschspiel gehörten zur Welt des Hieronymus B.. Im beleuchteten Innenraum einer Tonne verlieren sich ein Apfel, ein Pfeil und ein Geldbeutel - Symbole für Verführung, Wollust, Habgier. Auf diesem Fass, das mit einem roten Samtkissen gesattelt ist, wird später eine nackte Königin reiten; gezogen und geschoben wird es von einem Clown, der ein Boot um die Hüfte trägt, das ebenfalls einem Detail aus dem „Garten der Lüste“ nachempfunden ist. Sex und Wollust sind ein großes Thema bei Hieronymus Bosch, doch die Tänzer und Tänzerinnen in ihren fleischfarbenen Kostümen mit aufgenähten Brustwarzen wirken nicht unbedingt erotisch: Der Garten der Lüste ist am Ende doch eine Höllen-Phantasie.

Einige Tänzer sind in einen überdimensionalen Schlüssel gefesselt. Der Schlüssel und die daneben befindliche Tür weisen uns den Weg - aber in welche Hölle, in welches Paradies? - Ganz einfach: ins Parkett. Auf Stühlen, samtrot wie das Kissen der Königin, nehmen wir Platz zum zweiten Teil von Linnings Tanz-Triptychon. Es folgt ein wenig Geschichtsunterricht: die Einordnung von Hieronymus Bosch in den historischen und künstlerischen Kontext seiner Zeit. Zwei Jahre vor Boschs Geburt wurde die Buchdruckerkunst erfunden; gleichzeitig wie Hieronymus Bosch, aber in ganz anderem Stil wirkten Michelangelo und Dürer; Kolumbus entdeckte Amerika. Wir sehen filmische Bilder, die Bezug nehmen auf das zuvor Gesehene: Das Ohr wird untersucht; ein dunkelhäutiger Performer verschlingt Paradiesäpfel, aus denen das rote Fruchtfleisch auf den Teller quillt wie Blut. Schon Hieronymus Bosch kannte La Belle et la Bête: eine hübsche Nackte wird auf der Bühne von einem hässlichen Frosch verfolgt, auf dem die Dame später reitet - Frosch und Kröte werden oft als Attribut des Teufels oder der personifizierten Wollust und Völlerei gedeutet. Boschs Welt, so wie wir sie bis zur Pause der zweieinviertelstündigen Aufführung erleben, ist eine Mischung aus Erotik und einem vorgeblichen (aber falschen) Luther-Zitat: „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es Euch nicht geschmacket?“

Nach der Pause wird getanzt. Ein kahler, blattloser Beckett-Baum beherrscht die Bühne. Darunter: Hände, Füße, krauchende Körper. Es sind Bilder von leidenden Seelen im Fegefeuer. Der rote Teufel aus Heidelberg taucht wieder auf. Im Zusammenspiel mit dem Licht wirkt es, als wüchsen die tentakelartigen Extremitäten des Teufels als neue Äste aus dem Baum. Aus der Menge der krauchenden Seelen wird ein einzelnes Opfer abgesondert und gequält - es ist ein Bild, das wir ähnlich schon in Inszenierungen von Strawinskys Sacre du printemps gesehen haben. Dann integriert sich die Figur wieder; es wird Nähe hergestellt, Anschmiegsamkeit. Aber es ist eine Nähe, an deren Wärme wir nicht glauben mögen. Die Seelen wenden sich zueinander hin und voneinander ab, sie suchen nach Harmonie, müssen aber darum kämpfen. Ein schöner junger Mann erscheint im Baum dieses Lebens, unter ihm tanzen junge Mädchen klassische Choreografien. Ein Tänzer taucht mit einem Vogelkäfig auf, nach dem alle die Arme ausstrecken, als beinhalte er eine besondere Verheißung: Es ist der Vogel, der zum Himmel fliegen kann. Man strebt nach oben, aus der Hölle ins Paradies, doch noch kann von Freiheit nicht die Rede sein: Zwar tanzen bald alle mit einem solchen Käfig auf dem Kopf, doch der Käfig bleibt ein Käfig. Aber die bis dahin sphärenartige Musik (ein Dominus Vobiscum, Händels „Scherza infida“, Weisen von John Dowland, Scarlatti und Henry Purcell) wird nun schneller, irritierender auch. Männer greifen nach den Vogelkäfigen und befreien die Seelen. Zu sakralen Klängen schreitet ein grauer, gefiederter Engel durch die am Boden liegenden Tänzerinnen. Die Szene erinnert an die Gerichtsszene aus Boschs „Die vier letzten Dinge“. Weist sie den Weg in eine glücklichere Zukunft? Ist das der Freispruch?

Tatsächlich: Auf der Videowand sehen wir: Licht am Ende des Tunnels. „Remember me“, die Arie aus Purcells Dido and Aeneas erklingt: „When I am laid, / am laid in earth, / may my wrongs create / no trouble …” Himmelsleitern werden vom Schnürboden hinuntergelassen. Es macht den Seelen Mühe, daran hochzuklettern, doch eine göttliche Macht verleiht ihnen riesige Flügel. Adam und Eva schmusen in einem riesigen Paradiesapfel. Die Hölle hat sich zum Paradies gewandelt; die Seelen sind erlöst und aufgestiegen ins Paradies der Liebe.

Doch erinnern wir uns, was Nanine Linning in der Einführung zu ihrer Aufführung gesagt hatte: „Wer im Paradies lebt, sollte nicht vergessen, dass es die Hölle gibt.“ Der Apfel und die Erkenntnis, welche Lust uns die körperliche Liebe bringt - das war der Sündenfall, dem wir sämtliches Leid und alle Höllen unseres Lebens verdanken. Oder etwa nicht?