tanzplattform 2018 im Gelsenkirchen/Essen

Erotik, Kampf und Landschaften in Transformation

Fünf Tage lang bot die „Tanzplattform in Deutschland“, eine alle zwei Jahre in einer anderen Stadt stattfindende Leistungsschau des deutschen und internationalen choreographischen Theaters, ein prall gefülltes Programm. Marieluise Jeitschko hat für theater:pur bereits von einem der absoluten Höhepunkte des Festivals berichtet. Sasha Waltz‘ neue Kreation Kreatur wirkte in der Tat wie eine Fortsetzung ihrer „Körper“-Trilogie aus den Jahren 2000 – 2002; die Tänzerinnen und Tänzer changierten zwischen menschlichen, animalischen und maschinellen Figuren; mythische Bilder sowie Bilder von Bedrohungen wechselten ab mit Harmonie und Schutz-Metaphern, und am Ende dachte man ein wenig deprimiert darüber nach, ob das Leben tatsächlich ein steter Wechsel aus Kampf und Zärtlichkeit, aus Sex und Quälerei sei. Tanz, Kostüme und Licht-Design waren exquisit.

Über die rasante Drei-Personen-Choreographie Momentum des Bonner Ensembles Cocoondance, die zwei Tage lang auf der Kleinen Bühne im Choreographischen Zentrum PACT Zollverein gastierte, wird theater:pur im Juli berichten, nachdem sie beim Düsseldorfer Asphalt-Festival zu sehen war.

Der Schreiber dieser Zeilen war vor allem neugierig auf eine fünfstündige Performance, die als „Ausstellung“ angekündigt wurde, sowie auf eine einstündige High Speed Performance, in der sich keine einzige Geste wiederholen sollte. Den Zuschauern im Ruhrgebiet waren die beiden Choreographen vertraut, denn sowohl Xavier Le Roy als auch Boris Charmatz hatten bereits bei der Ruhrtriennale 2012 – 2014 unter Heiner Goebbels einige ihrer Werke vorgestellt.

 

Die Entdeckung der Langsamkeit: Xavier Le Roy im Essener Sanaa-Gebäude

 

Das von den japanischen Architekten Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa entworfene SANAA-Gebäude auf dem Gelände der Zeche Zollverein gilt als ein architektonisches Meisterwerk und eine Event Location der Extraklasse. Der riesige Multifunktionsraum im ersten Obergeschoss ist vollständig leergeräumt. Grauer Teppichboden, graue Wände und ganz viel Leere schaffen eine eigenartige Atmosphäre, die durch die Performance von Xavier Le Roy und seinen Tänzern etwas Kontemplatives bekommt. Drei Tage lang für jeweils fünf Stunden formieren sich die Akteure zu einer „Ausstellung“ – die Zuschauer werden ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie kommen und gehen können, wann immer sie wollen. Etwa zwanzig Minuten nach Beginn der Veranstaltung betrete ich den Raum aus dem Aufzug und befinde mich in vollkommener Stille. Siebzehn splitternackte Männer und Frauen jeden Alters hocken auf dem Boden (manche verlassen zwischendurch für eine Weile die Spielfläche); angezogene Zuschauer sitzen im Schneidersitz an den Wänden oder stehen im Raum und betrachten zutiefst entspannt und mit großer Ruhe und Gelassenheit die lebenden Skulpturen auf dem grauen Sanaa-Teppich. Ja, manchmal scheinen es tatsächlich Skulpturen zu sein, abstrakte Formen, wie von einem Künstler drapiert. Meist aber erinnern die Performerinnen und Performer an Tiere: Sie liegen übereinander, müffeln auch schon mal aneinander herum, klopfen auf den Boden oder auf die Haut ihrer Rudel-Genossen, machen liebevolle Schmuse-Bewegungen oder verschaffen sich Platz, indem sie ihre Artgenossen aus dem Weg stupsen. Manche „Tiere“ haben sich nicht zur Gruppe gesellt, sondern liegen einzeln im Raum. Irgendwann setzt sich eine Gruppe in Bewegung; es gibt einen Leitwolf, die anderen trotten hinterher. Dann lassen sie sich wieder nieder. Die Fortbewegung erfolgt ausschließlich auf allen Vieren, was in diesem Fall heißt: auf Knien und Händen oder Unterarmen; der Bewegungsablauf von Tieren wird perfekt imitiert.

 

Nach etwa einer Stunde gibt einer ein verbales Kommando: man will eine Formation an einer bestimmten Wand bilden, in der Nähe des Lifts oder wo auch immer. Echte Aktion entsteht nicht. Performer und Zuschauer entdecken die Langsamkeit: Es wird geschlafen; die „Tiere“ rucken mit den Köpfen, strecken ihre Glieder, käuen wieder. Sie heben ihre Beine in die Luft und vollführen in Zeitlupe etwas, das entfernt an Tanzbewegungen erinnert. Wir glauben Enten oder Schwäne zu sehen; das Rudel erinnert eher an Löwen oder Wölfe. Auch wenn es sich um Raubtiere handeln sollte, besteht kein Grund zur Angst: Das Ganze wirkt extrem friedlich und ruhig. Ab und zu löst sich der eine oder die andere Performer(in) aus dem Rudel, hoppelt auf einen Zuschauer zu und fragt aus sicherer Entfernung: „Can I ask you a question?“ – Niemand lehnt ab, und so entwickeln sich Gespräche zwischen Zuschauern und Akteuren. Es wird versucht, diese auf eine einigermaßen anspruchsvolle Ebene zu heben, was nicht immer gelingt. Die Topics, in die der Schreiber dieser Zeilen verwickelt wurde, waren ausgesprochen heterogen: Es ging einmal um Infrastrukturprojekte, ein anderes Mal und den Altersprozess und die Veränderung des Körpergefühls während des Alterns, dann wieder um Reisen, um Jetlag und West-Ost-Verschiebungen, wahlweise auf dem Weg von New York nach Europa oder von Düsseldorf nach Essen. Durch die Gespräche wird der sich ohnehin frei zwischen den Performern bewegende Zuschauer endgültig zum Bestandteil der Performance. An die Nacktheit hat er sich inzwischen so sehr gewöhnt, dass viele wohl keine Hemmungen mehr gehabt hätten, sich auch im Hinblick auf die Kostüme den Tänzerinnen und Tänzern anzugleichen.    

So richtig viel raus kommt weder bei den Gesprächen noch bei der Performance. Der Besetzungszettel beinhaltet ein paar allgemeinphilosophische Sätze zum Sinn der Veranstaltung, zu Transformationsprozessen oder Trennlinien zwischen Subjekt und Objekt. Es werde eine „Landschaft in fortwährender Transformation“ konzipiert, heißt es. Es ist eine archaische Landschaft, die an Afrika oder an Burger’s Zoo erinnert. Spannender ist die Verlangsamung der Zeit, die man am eigenen Leibe erfährt. Trotzdem verabschiedete sich der Schreiber dieser Zeilen aus der Ausstellung, als die Performance zum dritten Mal begann. Vermutlich sah er aus wie ein Fragezeichen. Aber irgendwie war es auch nett: drei Stunden ohne Anstrengung (das war für die krabbelnden Performer mit ihren dicken Knieschonern sicher anders), drei Stunden kontemplative Ruhe, unterbrochen von drei unterschiedlich intensiv genutzten Gelegenheiten, Gespräche über Themen in Gang zu halten, die einen an diesem Tag eigentlich gar nicht interessierten. Immerhin: Essen verzeichnete an diesem Tag den kältesten 17. März 2018 seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, doch im SANAA-Gebäude war es lecker warm, damit die Nackten nicht froren. Man guckte so rum, sah sich plötzlich neben Ben Riepe auf dem Boden hocken oder entdeckte schreibende Kollegen, die eng umschlungen mit ihrem Partner über den Tanz und die Welt sinnierten – und fand das alles irgendwie ungewöhnlich. Das ist ja auch schon mal was in unserem durchgetakteten Alltag.      

 

Death, Destruction and Gelsenkirchen: 10 000 Gesten von Boris Charmatz

 

Am Tag darauf ist es ein paar Grad wärmer, die Performer haben was an, und die Bewegungen werden mehr als nur ein paar Umdrehungen schneller. Zu einer leicht schrägen, aber nicht unharmonischen Interpretation von Mozarts „Requiem“ stolpert ein rotes Tanzmariechen auf die Bühne, winkend, hüpfend, Haare zauselnd, Titten kraulend. Der Start wirkt wie ein getanzter Witz mit viel Akrobatik. „Hu, Ha, Ho“ wird gerufen. – Hä?

Der französische Choreograph Boris Charmatz gastiert mit seinem Musée de la danse vom Centre chorégraphique national de Rennes et de Bretagne im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, und er verspricht eine Stunde Tanz, in der sich nicht eine einzige Bewegung wiederholen werde. Das Thema der Vergänglichkeit sei das zentrale Element seines Stücks. Bewegungen tauchen auf – und sind (zumindest in dieser Performance) vergangen ohne Wiederkehr. Seine Choreographie sei ein Spiel mit dem Flüchtigen, sagt Charmatz; alle Freuden und Leiden unseres Lebens seien vergänglich. Das Stück habe Ähnlichkeit mit dem Moment des Todes, in dem im Zeitraffer noch einmal das gesamte Leben am Sterbenden vorbeiziehe. - Nach dem kurzen Tanzmariechen-Solo stürmen weitere knapp zwanzig Tänzerinnen und Tänzer die Bühne, und was sie vollführen, ist streng choreographiert und wirkt doch vollkommen chaotisch. Ein Gewitter an Bewegungen bricht auf den Zuschauer ein; lange sucht man zu Beginn nach dem Gesamtkonzept der Choreographie. Doch genau das ist ihr Schlüssel: Sie ist ein Abbild unseres heterogenen, abwechslungsreichen Alltags mit seinen „normalen“, banalen Gesten und den plötzlichen Ausbrüchen starker Emotion. Man rennt und tanzt scheinbar völlig durcheinander, ein jeder und eine jede der eigenen Agenda folgend, und doch ergibt sich manchmal ein harmonisches Gesamtbild.

Ein Mann und eine Frau lösen sich aus dem Getümmel und bilden eine Skulptur wie eine Monstranz; ein Häschen scheint über die Bühne zu hoppeln; es wird Seilchen gesprungen ohne Seil. Sie wissen ja, wie es bei Marthalers Volkshochschulkurs (in „Murx!“) zuging: „Hier ist nicht „Backen ohne Mehl“, hier ist „F… ohne Frauen““. Was allerdings nicht ohne zumindest ansatzweise gleichförmige rhythmische Bewegungen funktionieren würde. Tatsächlich haben zumindest manche der „10000 Gesten“ frappante Ähnlichkeiten miteinander, und natürlich spielt in der Kompilation der Gesten unseres Lebens auch die Erotik eine Rolle. Während vorn ein eher prosaisches Walzen und Kriechen der Körper zu sehen ist, beobachten wir im Bühnenhintergrund ein in innigem Kuss umschlungenes Liebespaar bis zum erotischen Vorspiel. Die anderen Akteure erobern das Publikum – im wahrsten Sinne des Wortes: Sie arbeiten sich durch die Sitzreihen, wuscheln durch unsere Haare, klammern sich an unsere Arme: „Guck mal“, sagt einer der Tänzer zu mir: „Diese Leidenschaft – ist das nicht toll! Und dieses Licht!“

Dem bliebe in diesem Moment nichts hinzuzufügen. Aber 10000 Gesten erschöpfen sich nicht in Liebe und Leidenschaft – in der Aufführung nicht, und leider auch nicht in unserem Leben. Das „Musée de la danse“ zeigt nicht nur eine Ausstellung aller möglichen Gesten und Bewegungen des Tanztheaters, sondern seine Choreographie ist eine Zusammenstellung der Dinge, die unser Leben bewegen: Arbeiten und Sex, Verzweiflung und Ekstase, Schmerz und Erlösung, Schwerelosigkeit und Erdenschwere. Es gibt Kampfszenen, eine wilde Apokalypse, bei der einige Akteure in Weinen ausbrechen an deren Ende eine triumphierende einer unterlegenen Gruppe gegenübersteht. Death and Destruction in Gelsenkirchen, denkt man und erinnert sich an Robert Wilson, der das alles ganz anders machen würde. - Dann wieder glauben wir religiöse Motive aus der Kunst des Mittelalters und der Renaissance zu erkennen, zu denen Mozarts Requiem perfekt zu passen scheint; das Publikum lacht über einen Halbnackten, der dann plötzlich mit seinem Körper eine Swastika formt.

Die zu Beginn etwas orientierungslos scheinende Performance gewinnt zunehmend an Schwung, Ideenreichtum und Aussagekraft. Dem Tanzkollektiv gelingt es, gleichzeitig homogen und heterogen zu agieren. Längst hat uns die Performance, wiewohl sie nicht zu den innovativsten in der heutigen Tanzszene gehört, gefangen genommen. Ganz langsam verlöscht das Licht. Die Tänzer erstarren mitten in der Bewegung. Ab und an wacht nochmal wer auf, macht ein paar Schritte und erstarrt wieder. Mozarts Requiem wird immer überwältigender.

 Und Schluss. - 10000 Mal in die Hände klatschen? Das wäre übertrieben. Aber für fünf oder sechs Curtain Calls reicht’s allemal.