Swan Lake im Köln, Schauspiel

Mit der Fiedel durchs raue Irland

Schicke Tutus, über die Bühne hinweg schwebende Schwäne, vielleicht sogar ein Schloss? Nichts davon ist zu sehen in Michael Keegan-Dolans Swan Lake. Spitzentanz ist in dieser irischen Produktion erst recht ein Fremdwort. Hier tanzen nackte Füße, geben sich wild wirbelnde Tänzerinnen und Tänzer ein Stelldichein. Obwohl man sich überwinden muss, die Tänze des irischen Choreografen auch als solche zu bezeichnen. Sein sich am klassischen„Schwanensee“ orientierender Swan Lake ist eher ein bunter Mix - aus Schauspiel, Bewegung und Rhythmen, Wortkaskaden und Folklore. Sympathisch, aber kaum vergleichbar mit choreografisch ausgereiften Tanz-Compagnien. 

Im Kölner Depot wurde, nach gerade mal 75 Minuten, eine Aufführung umjubelt, die - so verhieß es die Ankündigung - „sowohl die Anhänger des klassischen Ballett wie die des modernen Tanzes auf ihre Kosten kommen lässt“. Pardon!, aber vom klassischen Ballett ist gar nichts, von modernem Tanz auch nur wenig zu sehen. Weshalb aber muss man eine Truppe wie die von Keegan-Dolan unbedingt in einen Bühnenhimmel heben, in dem diese Kunstform wenig zu suchen hat? Sein Trumpf ist es ja gerade, typisch Irisches in künstlerische Form umzusetzen und damit zu begeistern. Sind es doch die einfachen Bilder und Szenen, die beeindrucken und neue Ein-Sichten ermöglichen.

Ein Mann in Unterhose dreht sich im Kreise um einen Felsblock herum. Wie ein Kamel um einen Brunnen. Es ist das erste, sehr befremdende Bild des Abends. An ein dickes Seil gefesselt, ihm um den Nacken gelegt, erinnert er an ein antikes mythisches Wesen. Wie zum Tode verurteilt. Ein Sisyphos, der, zunächst von drei Männern in Schwarz und breitkrempigen Hüten umtanzt, schließlich von dem Trio zu einem der ihren gemacht wird. Er ist von nun an der Erzähler (Mikel Murfi) der Geschichte, die folgt.   

Die Story erzählt von Jimmy (Alex Leonhartsberger), der so sehr um den Tod seines Vaters trauert, dass er schwermütig wird. So unheilbar scheint er schließlich der Schwermut verfallen, dass er sich erschießen will. Tauchte da nicht in letzter Sekunde ein Engel mit weißen Flügeln auf, dessen Berührung ihn blitzartig ins Leben zurückruft. Und gemeinsam tanzen sie nun, umkreisen sich, schmiegen sich einander, wirbeln über den Boden . Es ist eine der schönsten Szenen des Abends. Anrührend auch deswegen, weil seine Geliebte, Finola (Rachel Poirier), von einem Priester, dem Erzähler vom Anfang, im Alter von nur 16 Jahren, schamlos verführt worden war.

An Jimmys 36. Geburtstag wird es endgültig folkloristisch - falls das Klischee von irischer Trinkfreude der Wahrheit nahe kommt: Bier fließt in aufschäumenden Massen, die Mädchen tanzen - und ein schwarzer Schwan erlöst Jimmy einmal mehr aus seiner Passivität. Schließlich wird er polizeilich gesucht - und stirbt unter den Schüssen der Staatsmacht. Zum Ende tanzen die Überlebenden,  gemeinsam und dennoch ganz in sich ruhend, den Schlusstanz und wirbeln über eine Bühne, die sie während ihres verzückten Tanzes mit weißen Schwanenfedern übersäen.  

Wenn schon Tschaikowsky an diesem Abend keine Chance hat, so ist es doch die musikalische Begleitung der irisch-russischen Geschichte durch das irische Trio „Slow Moving Clouds“, das diesem „Schwanensee“ seine ganz eigene und sympathische Färbung verleiht

Der Applaus war kaum enden wollend - bis hin zu stehenden Ovationen.