A Love Supreme im Köln, Schauspiel

Vier Männer tanzen Jazz

Einst auf strengste Strukturen bedacht, fand sie vor gut einem Jahrzehnt zur Improvisation. Der Saxophonist John Coltrane und sein Jazz-Album A Love Supreme haben sie gewissermaßen aus der Spur gebracht – und gemeinsam mit ihrem ehemaligen Tänzer Salva Sanchis entstand etwas Neues: Die 1960 in Brüssel geborene Belgierin Anne Teresa De Keersmaeker kombinierte festgefügte Figuren mit frei explodierendem Tanz. Das war 2005, als die Brüsselerin längst, mit ihrer Compagnie „Rosas“, einen der Spitzenplätze im internationalen Tanz erobert hatte. So gilt etwa die Choreografie Rosas danst Rosas als Durchbruch.

Zwölf Jahre nach der „ersten Geburt“ von A Love Supreme, griff De Keersmaeker nun noch einmal nach diesem durch Coltranes Musik geprägten Stück – und erschuf mit einer von Grund auf veränderten Tänzer-Generation ihr Erfolgsstück gewissermaßen neu. Über die Wucht, Eleganz und Modernität diese Choreografie, konnte man sich nun im Depot 2 des Schauspiels Köln überzeugen: In einer Suite mit vier Sätzen, in der vier Tänzer mit je einem Instrument korrespondieren.

Nackt und schmucklos ist der Raum, die Spielfläche ein weites Feld – für die Improvisationen und Explosionen, die kommen werden. Dabei beginnt es in völliger Stille. Vier Männer (José Paulo dos Santos, Bilal El Had, Jason Respilieux und Thomas Vantuycom) bewegen sich wie in Trance, finden zueinander, heben sich und erinnern an Skulpturen aus antiker Zeit.
Dann streben sie auseinander, drehen und winden sich in großer individueller Bewegungsfreiheit. Immer noch kein einziger Ton. Schließlich begleitet sogar tänzerischer Stillstand diese Ruhe. Als stünde das Leben endgültig still: Gefühlte zehn Minuten lang passiert nichts. Nur einer der Tänzer bleibt alleine im Halbdunkel zurück, bewegt sich kaum von der Stelle. Als sei er auf der Suche, verlieren sich seine Blicke im Nichts.

Urplötzlich dann grelle Musik, nach etwa 15 Minuten - und das Quartett findet wieder zueinander. Coltranes Jazz-Rhythmen drängen die Vier zu wilder werdenden, die Spielfläche oft wie im Flug überquerenden Sprüngen. Aus zunächst vier Einzeltänzern entwickeln sich schließlich Duos, Trios, schließlich ein synchron sich bewegendes Quartett. Aus Details fügt sich ein Ganzes, eine Symbiose. Improvisation hat sich mit vorgegebenen Bewegungen verbunden. Jeder der Vier hat dabei sein Solo. Je nach Temperament mal versonnen und in sich gekehrt, mal die weite Bühne zu großen Sprüngen nutzend, dann sie wieder wie im Flug durchquerend.

Körperlichkeit scheint die Schwerkraft zu besiegen. Ehe zum Schluss, nach ebenso knappen wie oft rasanten fünfzig Minuten, die Akteure wieder in das Anfangsbild zurückfinden: In Zeitlupe winden sie sich ineinander und verschmelzen, so scheint es kurze Zeit zu einer beeindruckenden Skulptur.

Rasender Applaus und Stehende Ovationen nach einem beeindruckenden Abend.