Kirina im Maschinenhalle Gladbeck-Zweckel

Wenn die Hoffnung stirbt

Burkina Faso ist alles andere als ein Land materieller Überflüsse. Im Gegenteil: Der westafrikanische Staat gehört zu den wirtschaftlich ärmsten der Erde. Umso glanzvoller blüht hier die Kultur, gibt’s in seiner Hauptstadt Ouagadougou doch Afrikas wichtigstes Film-Festival, das „Fespaco“, und machen immer wieder Künstler dieses Landes international auf sich aufmerksam.

Tanz in der Industrie-Halle Zweckel

Einer von ihnen ist Serge Aime Coulibaly, dessen Tanz-Choreografie „Kirina“ bei der Ruhrtriennale jetzt aufmerken ließ. In der ehemaligen Gladbecker Maschinenhalle „Zweckel“ wird der Titel, Name eines Ortes im heutigen Guinea, der für die Geschichte westafrikanischer Kultur geradezu mythische Bedeutung hat, zum Symbol – für aus innerafrikanischen Migrationen heraus geborene neue Kulturen. Gemeinsam mit der aus Mali stammenden Musikerin Rokia Traore hat Coulibaly, zuvor bereits weltweit als tänzerisches Mitglied der Compagnien von Alain Platel und Sidi Larbi Cherkaoui bekannt, seine eindrucksvolle Choreografie erstmals in Deutschland präsentiert.

Emotionen und Rhythmen zuhauf

Emotionen zuhauf bietet der Abend, Kraft und Rhythmus im Überfluss. Zudem Einsamkeit und Szenen, in denen der Einzelne im Mittelpunkt steht – und vereinnahmt oder abgestoßen wird. Doch es beginnt wie aus dem Nichts. Das schräg in die grandiose Industrie-Halle fallende Abendlicht lässt Figuren erkennen, die im Hintergrund der Spielfläche einzeln davonziehen. Kaum beachtet, wie zufällig. Es sind, so scheint es, Migranten. Hoffnung sieht anders aus. Dabei sind es für Coulibaly doch die „Wanderer, die in einem Land eintreffen“ und „am Aufbau dieses Landes mitwirken.“ Das sei, so der Choreograph weiter, „ihre Hoffnung“.

Die Hoffnung ist weit weg

Von Hoffnung ist freilich am Ende des eindrucksvollen, anfangs mitreißend starken Tanzabends wenig zu sehen. Im Gegenteil: Die zuvor so aktiven und voll prallen Lebens agierenden Tänzer liegen am Boden. Ob tot oder nur am Ende ihre Lebenskräfte, bleibt offen. Über sie hinweg steigt eine Figur, die dem Chaos der Welt entstiegen scheint. Grimassierend, zähnefletschend und körperzuckend steigt sie über die leblosen Körper hinweg. Als wäre die Welt in Urzeiten zurückgefallen. Hoffnungslos überwältigt von Brutalität und Missachtung. Und wie der Abend begann, endet er denn auch: Von links nach rechts wandern sie wieder und weiterhin: fremde Migranten in einer fremden Welt.

Szenen fast absoluter Stille

Dabei beginnt es, kaum sind die „Wanderer“ aus dem Blickfeld entschwunden, mit einem Rhythmus, der die neun Tänzerinnen und Tänzer, begleitet von einem brillanten Gesangs-Duo, zu ersten körperlich packenden Szenen zusammenführt. Da schraubt und windet sich einer der Tänzer in Figuren hinein, die schwindlig machen. Da stürzt ein anderer zu Boden, windet sich wieder hoch, fällt erneut. Aber so gekonnt, dass es fasziniert. Und wenn ein dritter Tänzer, mit einem Tuch wie eine Maske überm Gesicht, seine Kreationen auf die Bühne zaubert, bleibt allenfalls die Frage nach dem Sinn. Grandios in Szene gesetzt ist es gleichwohl. Umso überraschender, ja geradezu schockartig fügen sich die Szenen absoluter Ruhe in den Strom der Körperbewegungen und hackenden Rhythmen ein. Ein Abend, der viele Fragen offen lässt und gleichwohl mitreißt – ob man nun will oder nicht.