Mass im Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier

Masse Mensch statt Messe

Seit der Entstehung von Leonard Bernsteins monumentaler Musiktheaterkomposition Mass für Sänger, Schauspieler und Tänzer sind fast 50 Jahre vergangen. 1971 uraufgeführt zur Eröffnung des John F. Kennedy-Center for the Performing Arts in der US-Hauptstadt Washington D.C. im Auftrag der Witwe des ermordeten Präsidenten, erweist es der Freundschaft der beiden weltberühmten Charismatiker aus Politik und Musik Reverenz. Ein großer Wurf im umfangreichen Oeuvre des vielseitigen jüdischen Künstlers ist diese Hommage an den kunstsinnigen, bekennenden Katholiken leider nicht geworden. Zu sehr verhaftet und bezogen auf den Entstehungsanlass wirkt heute die fast zweistündige Komposition. Zu viele philosophische Aspekte will sie in der Figur der Hauptfigur vereinen. Der die Messe zelebrierende Priester trägt deutlich selbstreflektierende Züge des Komponisten. Andererseits bezieht sich die üppige Besetzung mit gesprochenen Passagen inmitten langer gesungener Monologe und Chöre, der gewaltige instrumentale Apparat und die Aufmärsche von Massen, konterkariert von Tänzer-Eskapaden, auf den Zweck des neuen Kunsttempels: galt es doch 1971, die „Weihe" eines Hauses für alle darstellenden Künste zu feiern (weshalb auch eine der 32 Nummern explizit einem entsprechenden Beethoven-Thema gewidmet ist).

Eindeutig hat sich Bernstein selbst überfordert. Eigene Lebens- und Glaubensfragen bündelt er entlang des Ritus der katholischen Messe - von Kyrie bis Agnus Dei - in der Gestalt des „Celebranten". Dantes göttliche Komödie war darüber hinaus Vorlage für die Textcollage aus den lateinischen Versen und englischen Reflexionen. Ein kurzes, hebräisches Zitat (Kadosh.... = Heilig, heilig, heilig) bezieht die jüdische Religion ein.

Stilistisch mischt der Komponist Klassik, Pop, Jazz und Gospel. Musikalisch auf dem Niveau seiner Westside Sory etwa (und mit deutlichen Anleihen bei Orffs Carmina Burana) sind nur der letzte Teil des „Gloria", das „Sanctus" und schließlich die Bitte um Frieden. Da „outet" sich der Pazifist Bernstein am deutlichsten, der sich - damals - vehement gegen den Vietnam-Krieg aussprach.

Dass sich nun, im Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag des Amerikaners, das Musiktheater im Revier - trotz der durchaus umstrittenen Rezeptionsgeschichte - an eine Inszenierung von Mass wagt, erstaunt fast gar nicht. Denn es wird ja unter Michael Schulz dem traditionellen Ruf des mutigen David in der deutschen Musiktheaterlandschaft gerecht. Auch die Zusammenarbeit mit dem Ballett ist hier längst selbstverständlich. Als Regisseur von Mass berief man den in Deutschland höchst gehandelten und hier seit langem beheimateten amerikanischen Avantgarde-Choreografen Richard Siegal. Er ignoriert weitgehend die Chronologie der Messe, und bedient stattdessen die andere Bedeutung des englischen Titels: Masse (Mensch) statt (katholische) Messe - als Tanz der Masse Mensch um das Goldene Kalb, das Erlösung aus Not und Reichtum für jedermann verspricht. Da tritt ein Laienprediger auf, der den Massen ewiges Heil verspricht. Sie strahlen ihn an, glauben ihm und erheben ihn - der selbst von Glaubenszweifeln geplagt wird - zu ihrem Heilsbringer. Sie umtanzen ihn wie die Israeliten das Goldene Kalb - bis er stürzt. Zurück bleibt die Bitte um Frieden - vorgetragen zuerst von einem Knaben. Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Natürlich sprengt so eine Inszenierung mit 180 Mitwirkenden die Dimensionen des relativ kleinen Bühnenraums. Aber das Musiktheater im Revier wird hier symbolisch zur übervölkerten Erde. Bühnenbildner und Lichtdesigner Stefan Mayer schafft, ganz im Sinn von Bernstein, mit seinen modernen Kiefernholz-Aufbauten elegant Raum für alle: Bläser, Gitarristen und Pianist sitzen an der Bühnenrampe rechts und links über dem Orchestergraben. Choristen singen von Emporen. Zum Schluss steht dort auch die Flötistin, die anfangs ganz links in der Pultreihe auf der Bühne spielte. Gesangssolisten und der „Streetchorus" sitzen in der ersten Reihe des Parketts. Den Hymnus der Friedensbitte singen auch manche Zuschauer von den verteilten Notenblättern mit. Alle rücken zusammen. GMD Rasmus Baumann hält mit bewundernswerter Souveränität die musikalischen Fäden in der Hand.

Der Theaterchor tritt aus den Kulissen auf, singt von den Emporen - strömt von überall her und hat wunderbare Solisten für kleine Szenen im Beichtstuhl, als Zweifler, hoffende Anhänger des Wanderpredigers. Der Knabenchor der Akademie Dortmund repräsentiert rührend natürlich und klangrein die Zukunft. Die Blechbläser marschieren durch Seitentüren des Zuschauerraums auf und verbreiten Oktoberfeststimmung. Das Ballett im Revier hopst fröhlich durch die Masse Mensch, die sich zum Widerstand gegen überkommene kirchliche Heilsversprechungen versammelt.

Startänzer Paul Calderone, der auch mindestens so gut singt wie die solistisch eingesetzten Choristen, ist schwarz gewandet und soll wohl so eine Art Diabolo abgeben. Als einziger Tänzer darf er sich in einer kurzen, sehr düster ausgeleuchteten Sequenz auf dem Boden wälzen. Alle anderen Tänzer folgen einer Choreografie der 1970er Jahre und zitieren sogar in kleinen Zweiersequenzen Alvin Ailey. Der Afroamerikaner lieferte bei der Uraufführung die Choreografie - Signal für Toleranz in den Künsten. Jetzt wären Streetdancer aus dem Revier dran gewesen - natürlich vom Verein Pottporus. Bei allem Respekt für das Ballett im Revier und Bridget Breiners Arbeit: hier war der Spagat des Musiktheaters im Revier zur freien Szene der Region gefragt - der Mut also heute hier wie damals das Engagement des Afroamerikaners dort. Dass das nicht klappte - darin liegt die Enttäuschung über diese überaus ehrgeizige Produktion von Bernsteins Mass.