Inferno im Dortmund, Oper

Verschenkte Bildgewalt

Endlich wagt sich ein Choreograph an Dantes Göttliche Komödie. Denn die dreiteilige Vers-Dichtung aus 15 000 Dreizeilern vom Anfang des 14. Jahrhunderts schreit förmlich nach bewegten Bildern. Die Dichtung quillt über von Allegorien, Parabeln und Symbolen. Eine Animation mit Playmobil-Figuren auf dem Hintergrund von Sandro Botticellis gezeichnetem Zyklus und Filme wie Hinter dem Horizont mit Robbie Williams wirken doch reichlich banal.

Dantes literarisches Meisterwerk ist das opulenteste künstlerische Vermächtnis über die menschliche Sehnsucht nach einem verstorbenen, geliebten Mitmenschen und einer heilen, neuen Welt. Der mittelalterliche Dichter macht sich - begleitet von seinem großen antiken Vorbild Vergil, dem Schöpfer der Aeneis über die Irrfahrten des fiktiven Rom-Gründers - auf den Weg zu seiner früh verstorbenen Geliebten Beatrice. Die Wanderung führt die Beiden durch Hölle und Fegefeuer ins Paradies - zur Geliebten, die dort auf ihn wartet, um ihm all die Köstlichkeiten und Kostbarkeiten dieses geheimnisvollsten, schönsten Teils des Universums zu zeigen. Also Christoph Willibald Glucks Elysium, wo Eurydike schon die ewige Seligkeit genießt und gar nicht mehr zurück will in ein irdischer Dasein voller Zweifel, Ängste und Missverständnisse mit Orpheus.....

Xin Peng Wang (Inszenierung und Choreografie) und sein Dramaturg Christian Baier (Konzept, Szenario und Dramaturgie) stellen nun mit Inferno den ersten Teil eines geplanten dreiteiligen Balletts vor, das in zwei Jahren mit Purgatorio fortgesetzt und 2021, im 700. Todesjahr Dantes, mit Paradiso komplettiert werden soll.

In seinem Vorwort zum Programm erinnert sich Dortmunds chinesischer Ballettdirektor an seine Kindheit während der Kulturrevolution in seiner Heimat - ein Signal, dass ihm Mühsal und Peinigungen in Kriegszeiten wichtiger sind als persönliche Emotionalität. Aber er hat kein politisches Ballett kreiert, sondern in allererster Linie ein ansehnliches neoklassisches Ballett mit fulminanten Solisten und einem hochkarätigen Corps de ballet. Seine Choreografie folgt der minimalistischen Klangstruktur von Michael Gordons Soundtrack für den Collagefilm Decasia über die menschliche Sterblichkeit. Vorangestellt ist Kate Moores Cello-Solo Whoever You Are Come Forth - nach enervierendem Kettengerassel zu einem Solo von Javier Cachiero Alemán (Dante) zu dessen technisch stupendem Duett mit Lucia Lacarra (Beatrice). Dass die zarte Ballerina mit ihrer virtuosen Technik immer wieder präsent ist, deutet genug an, wie wichtig Wang der Tanz ist. Einen weiteren Trumpf hat er mit dem charismatischen Dustin True (Vergil). Er streift gleich bei seinem ersten Auftritt das rote Cape des Diabolo ab und tanzt in Balanchine-Manier „oben ohne" in schwarzer langer Hose als Kontrast zu dem Unschuldsweiß des Liebespaars.

Ausstatter Frank Fellmann fängt die Nacktheit der „ungetauften Kinder", der „Schmeichler" und „Huren" und der Legion anderer zu Höllenqualen Verdammten mit hauchdünnen Ganzkörpertrikots auf, die physische Details der jeweiligen Tänzer abbilden. Seine Raumgestaltung erschöpft sich - wie die neoklassische Choreografie - in einer ästhetisch allzu schönen, Licht durchfluteten Serpentine in die Hölle, ergänzt später durch die Videoprojektion eines Trichters, der so verspielt wie ein Federball-Auffänger wirkt. Botticelli hat die neun Ebenen der Höllenqualen viel besser betroffen, indem er die Öffnung des Trichters einfach nach vorn kippte (statt nach oben wie Fellmann) und ihn düster tönte statt wie aus heiter-hellem Kiefernholz.

Vor allem aber hat sich Wang nicht auf die fantastische Symbolik Dantes eingelassen, obwohl sie sich in ihrer Theatralik gerade dem heutigen Tanz als Cooperationspartner mit den Videokünstlern anbietet. Auch verzichtet er auf grandiose Soloparts - vor allem im Inforno für die Begleiter durch die neun Ebenen der immer brutaleren Höllenqualen. Hoffentlich zeigt der Choreograf in den beiden nächsten Folgen mehr Mut zur Kraft visueller Bilder zu Dantes Dichtkunst.