Roughhouse im Köln, Schauspiel

Verloren im Quark der Worte

„Worte und Körper wirbeln über die Bühne“. Wie eine Verheißung höchster Tanz- und Verbal-Kunst liest sich, was angeblich auf den Zuschauer zukommt. Von „atemloser Spielfreude“ ist vorab die Rede, mit der Schauspieler und Tänzer „über den stabilen Boden einer Medienwelt taumeln“. Entspräche doch nur ein Bruchteil von diesen Versprechungen dem, was jetzt seine Uraufführung in Köln erlebte. Doch fast nichts davon ist zu spüren in Richard Siegals Roughhouse. In einer Produktion, in der vier Mitglieder seines „Ballets of Difference“ und fünf Schauspieler des Kölner Ensembles gemeinsam die Szene beherrschen.

Im Gegenteil: Wer sich angesichts der von Siegal selbst verfassten verschwurbelten Texte nicht verhohnepipelt vorkommt, dem ist auf dieser Welt wohl nicht mehr zu helfen. Und dass ein Tanzabend, als Koproduktion mit dem Schauspiel Köln erarbeitet, zudem komplett auf Englisch daherkommt – mit deutschen Übertiteln –, dürfte auch nicht alltäglich sein. Erstaunlich genug, dass diesem Stück nach 80 Minuten zugejubelt wurde, als wäre es das Sahnehäubchen auf dem Kölner Theater-Kompott. Doch immerhin einer der Besucher im Depot 1 des Schauspiels hielt mit heftigem Buh dagegen. In einer Art Ehrenrettung des noch nicht völlig vom hochherrschaftlichen Inszenatoren-Getue eingenommenen Publikums.

Es begann bereits wie in einer billigen TV–Produktion. Wohl auch mit dem Ziel, die kölsche Seele gleich in Karnevals-Laune zu versetzen. Eine Art Moderator bat einzelne Zuschauer zu sagen, wie sie „eigentlich gerne hießen“, „wo sie auf keinen Fall leben wollten“. Fakes waren gefragt, um schließlich in einen Sprachsalat überzublenden, der wohl witzig sein soll: „Dann fangen wir mal an english zu speaken“, denn „langsam approachen wir das Ganze“. Und dann wird „approacht“, dass einem die „Fucker“, mal die „Motherfucker“, mal die „Otherfucker“ nur so um die abgestumpften Ohren fliegen. Texte zudem, deren Sinn sich nur dem erschließen dürfte, der sich in sprachlichem Chaos zu Hause fühlt, fliegen auf Englisch durch den Raum und versuchen, auf Deutsch, in den Übertiteln Verwirrung zu stiften.

Nach etwa einer halben Stunde wird die Bühne doch tatsächlich vom Tanz, von Tänzerinnen und Tänzer beherrscht. Kein pseudophilosophischer Blödsinn lenkt mehr ab. Aber nicht lange dauert das wirkliche Vergnügen am tänzerischen Können, ehe an der bekannten Masche weiter gestrickt wird. Wenn sich dann eine mögliche Wende in der Mischung aus verbalem und tänzerischen Chaos andeutet, wenn einer der Akteure „Ordnung“ fordert, spürt man des großen Theater-Künstlers Verachtung für den "Spießer". Und die Übertitel versinken, wie gehabt, in billigen Wortspielchen.

Doch noch einmal bieten die beiden Tanz-Paare des Siegalschen „Ballet of Difference“, nach einer knappen Stunde, für etwa zehn Minuten Bewundernswertes aus ihrer Tanzkunst. Ehe dann, wieso auch immer, Aischylos’ Orestie für die Schlusssequenz herhalten muss. In Verbindung mit Geld: „Wer uns Aischylos gestohlen hat, braucht Money." Frage man nicht, wieso wer wann unseren „Aischylos" gestohlen hat.

„Wer lernt, muss leiden“, steht einige Male, und wieder am Schluss des verlorenen Abends, auf dem Übertitel. Mag ja sein. Aber nicht jeder, der „leidet“, wird auch „lernen“. An diesem Abend gab’s nur zu leiden. In seiner äußersten Form. Wie gesagt: Zwei Buhs konnten den Begeisterungsjubel nicht bremsen. Mag auch, beim Verlassen des Depots, manch‘ böses Wort zu hören gewesen sein. Auch dass man „einen derartigen Quark lange nicht mehr erlebt“ habe. Ja sowas. Ohne Fake!