Xenos im Köln, Schauspiel

Ein Fremdling gibt nicht auf

Ein Xenos ist er, ein Fremdling in einer Welt voller Kriege, Mord und Brutalität. Ein Xenos, den Agram Khan in seinem gleichnamigen Tanztheater-Stück in grandios gelöste und mitreißend gestaltete Szenen versetzt. Der vierundvierzigjährige Brite mit Wurzeln in Bangladesch reißt mit, reißt uns in Untiefen der Gefühle und Erlebnisse. Ein Faust ist er, der in allen Niederlagen freilich auch eine Chance zur Wiedergeburt sieht.
Sein Gastspiel im Kölner Schauspiel–Depot gerät zu einem siebzigminütigen Abend vielfältigster Ausdrucksformen. Mit und in ihnen nimmt Khan den Kampf eines Individuums mit dem Weltgeist und der Wirklichkeit menschlicher Kriege auf.
Der Abend beginnt freilich gelöst und leicht, wenn auch der sich nach oben ziehende Wall, von dem herab zahlreiche dicke Taue nach unten verlaufen, schon jetzt nichts Gutes verheißt. Doch Minuten lang erklingt Musik und Gesang. Fremd wirkt das Bild, mit dem der indische Subkontinent auf fast einlullende Art und Weise grüßt. Rhythmisch verspielt gibt ein Trommler den Takt vor. Ein Sänger versenkt sich in diese Musik – und das Idyll scheint perfekt.
Doch plötzlich knistert und knallt es, das Licht flackert. Stromausfall? Ja und nein. Es beginnt ungemütlich zu werden. Ein Taktgeber bleibt der Stromausfall auch später. Und steht für eine Welt, die immer wieder am Rand des Untergangs steht.
Nur kurz ist die totale Finsternis. Im Rhythmus der Trommel springt ein Mann in die Szene, spielt mit dicken Seilen – und beginnt zu tanzen. In großen, weit ausgreifenden Gesten zieht er durch den Raum, knallt wie ein Flamencotänzer Fuß und Fesseln auf den Bühnenboden. Wenn er dann zur Ruhe kommt, und die Bänder, mit denen seine Stiefel geschnürt sind, abwickelt und um Hände und Unterarme wickelt, geraten sie urplötzlich zu Fesseln. Zu Fesseln, die den Performer nicht mehr loslassen werden.

Es herrscht Krieg. Ein Krieg, in dem der Mensch am Abgrund steht – und Mirella Weingartens sensationelle Bühne eine stilbestimmende Rolle spielt, kongenial durch Michael Hulls Licht-Design begleitet. Fünf Musiker (Originalmusik und Sounddesign: Vincenzo Lamagna) erscheinen immer wieder einmal in schwachen Lichtkegel auf dem Scheitel des sich nach oben ziehenden Walls, auf dem Dutzende Taue darauf warten, nach hinten weggezogen zu werden. Felswand ist der Wall, eine Art Schützengraben, später eine Geröllhalde, die den Menschen unter sich zu begraben droht.
Rasche Szenenwechsel und Akram Khans expressive  Darstellungs-Variationen lassen die siebzig Minuten mehr und mehr zu einem Bild des Weltuntergangs geraten. Das Stück gerinnt zu einem ebenso mitreißenden wie erschütternden Bild menschlicher Einsamkeit, begleitet vom Wahnsinn menschlichen Vernichtungswillen. Zu Beginn noch, im knöchellangen indischen Kurta auftrumpfend, treiben ihn schließlich Krieg und Vernichtung in fast völlige Nacktheit.

Nicht aufgeben lautet gleichwohl Khans Botschaft. Für dieses „dennoch“ findet er ein ebenso einfaches wie eindringliches Bild: Unter gnadenlos hämmernder Musik bricht er zwar immer wieder zusammen, zuckt wie tödlich getroffen auf dem Boden und erzittert unter weiteren Schlag-Kanonaden. Doch statt tödlich zu enden, statt seinen Tod zu akzeptieren, rafft sich wieder auf, kämpft gegen den tödlich dröhnenden Rhythmus – und entfaltet seinen Körper zu einem einzigen tänzerischen „Jetzt erst recht“-Lebenswillen. Da mögen ihn, ganz am Ende, auch ganze Geröllmassen, die den Hang herunter stürzen, bedrängen: Er will leben
Es ist ein Stück, dessen Inszenierung und Choreographie, dessen künstlerische Vielfalt, die darstellerischen Variationen und musikalische Dringlichkeit ihresgleichen suchen dürften. 

Akram Khan, begnadeter Schauspieler und Tänzer, zudem sein eigener Choreograph und Regisseur, erklärte Xenos zwar zu seinem letzten Stück als Solist. Als Choreograf dürfte er freilich auch und vor allem in der Zukunft kein Fremder, kein Xenos mehr sein. Chapeau für ein theatralisch-künstlerisches Erlebnis der Superlative.