Dubcek Spring im Volksbühne am Rudolfplatz

Packende Szenen eines großen Pantomimen

Er ist einer der ganz Großen der Pantomime. Vielleicht auch einer der Letzten: Milan Sladek, den der ideologische Winter nach dem unter Panzern erstickten „Prager Frühling“ ins Ausland trieb. Hier hatte ihn bereits das brutale Ende des Versuchs überrascht, dem „Sozialismus ein menschliches Antlitz“ zu verleihen.

Fremd, seines 1968 gegründeten und bereits international Aufsehen erregenden „Theater- Studios“ in Bratislava beraubt, blieb er im Westen. Köln wurde 1970 seine neue Heimat, sein am Rhein im Jahre 1974 gegründetes „Theater Kefka“ das einzige feste Pantomimen-Theater Westeuropas. Innerhalb von neun Jahren gingen 45 eigene Produktionen über die kleine Bühne. Produktionen, die auch in über 50 Ländern der Erde zu sehen waren.

Mit seinem 1976 ins Leben gerufenen „Gaukler-Festival“ machte der 1987 zum Professor an der Essener Folkwang-Hochschule ernannte Slowake, längst naturalisierter Deutscher und Träger des Bundesverdienstkreuzes, Köln und seine Bühne endgültig zum Mekka der Pantomime.

Das Thema „Prager Frühling“ und sein Scheitern, besonders die Tragik des mit ihm untergegangen Regierungschefs Alexander Dubcek, hat ihn freilich nie losgelassen. Nun, mit 80 Jahren, setzte er dem Landsmann ein einmaliges Denkmal. Nach der Uraufführung in seiner Heimat kehrte Sladek an den Rhein zurück - mit einer Hommage an den Mann und seine Zeit, die er „mit den großen Tragödien der griechischen Antike“ vergleicht. Mit Dubceks Söhnen Milan und Pavel, zudem dessen Biografen Ivan Laluha, hat er im Vorfeld lange Interviews geführt.

Sladeks Gang in die Vergangenheit ist ein faszinierender Abend in zehn szenischen Bildern. Acht strahlend junge Menschen schwenken zu Beginn riesige rote Fahnen der Hoffnung, versehen mit Hammer und Sichel. Doch schon die permanent hämmernde und krächzende Musik lässt ahnen, dass diese Hoffnung trügt.

Aus dem Schwung der Fahnen schält sich schließlich eine Figur heraus, die an eine Mumie erinnert: Sie kämpft mit dem roten Stoff, der sie völlig umfängt, beherrscht und versklavt. Ehe sie erst eine Hand, dann ein Gesicht und den Kopf erkennen lässt. Es ist Milan Sladek. Die Fesseln fallen ganz von ihm ab - und eine kurze Szene schönster Poesie erblüht: Eine einzige große Blume lässt einen von allen Zwängen befreiten Harlekin in Entzücken verfallen. Er pflegt und begrüßt sie wie ein Wunder.

Dann rollt ein riesiges Ei in die Szene und wird bald allmählich den „Frühling“ vergessen lassen. Aus ihm schlüpft ein verführerisch schöner Vogel, das „Geschenk“ - so schon der Titel der seit vielen Jahren in aller Welt bekannten Solo-Pantomime Sladeks. Doch allmählich erwächst aus dem verehrten und gefütterten Vogel ein Drachen, der seinen Schöpfer und Wohltäter schließlich verschlingt. In einer Szene, die ihresgleichen in der Welt der Theaterkunst suchen dürfte. Sechs Männer und Frauen lassen diesen einmaligen Fantasievogel entstehen, dessen Farben, Formen und Pracht nur staunen lassen. Ein teuflisches Symbol: Ideal und Schönheit zerfleischen ihren Schöpfer.

Dann folgt die ganz reale teuflische Welt. In der fünften Szene. Es war der 21. August 1968, der Tag des Einmarsches der Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Sladek lässt, unkommentiert und nüchtern, Filmszenen dieser Tage in Prag für sich sprechen. Tote und Verletze, Blut und Flammen - und das historische Bild eines ernsten, unbewegten Dubcek.

Der Frühling ist vorbei. Schwarze Figuren umkreisen Dubcek in der Gestalt Sladeks. Acht riesige Hände greifen nach ihm, beginnen ihn zu fesseln und versuchen, ihn zur Marionette zu degradieren. Und er geht zu Boden, wo ihn kleine Spielzeug-Panzer endgültig in die Knie zwingen

Dann schickt Sladek noch einmal das „Geschenk“ in die Schlacht um Herzen und Sympathie. Doch diesmal frisst der Vogel nicht seine Kinder, nicht seinen Schöpfer, sondern zerfällt: Der Kommunismus ist am Ende. Es ist das Jahr 1989. Und Dubcek ist der historische Sieger. Wenn er auch, was zu vermuten ist, 1992, vor seinem symbolischen Erfolg, ermordet wurde.

Wie Phoenix aus der Asche kommt er in Milan Sladeks Schlussapotheose am Ende eines großen Theaterabends ins Bild. Mit weißem Mantel und Kopfbedeckung, wie man ihn seinerzeit kannte.

Es ist kein Abend billiger Effekte, kein Stück rückwärtsgewandter Heldenverehrung. Es ist ein Stück der Trauer und auch des Stolzes auf einen heldenhaften Mann und sein Volk. Ihm setzt Sladeks Stück mit diesem denkwürdigen Abend ein Denkmal. So bescheiden und eindrucksvoll zugleich, wie Milan Sladeks Umgang mit seinen Thema schon immer war. Kompliment für diese ebenso wortlose wie beeindruckende Theaterkunst - die der Pantomime eines Milan Sladek. Riesiger Applaus dankte dem Team und seiner Kunst.