Lebenslichter
Die Seele brauche nichts weiter als Geruch und Geschmack, um „das unermessliche Gebäude der Erinnerungen zu tragen“, behauptet Marcel Proust. Wohl wahr, dass unzählige Liebesnächte bei Kerzenlicht in der sinnlichen Atmosphäre einer delikat duftenden Gaumenfreude beginnen und manche Freundschaft im Studentenwohnheim entsteht, weil der ordinäre Gestank billigen, heißen Öls dem Nachbarn mit knurrendem Magen verrät, dass nebenan jemand „was zu essen hat“ und womöglich ein paar Reste abgeben könnte oder das eigene letzte Bier gegen Futter tauschen würde. Aber ist das wirklich alles, was unsere Herkunft ausmacht?
Bielefelds Bühnendesignerin Franziska Gebhardt hat für Simone Sandronis neues Tanzstück Woher wir kommen den Bühnenhimmel mit einer Legion kunterbunter Lampen bestückt. Es sind Lebenslichter mit Fransen oder aus Metall, klein - mittel - groß, dekorative oder effiziente Leuchten, mal hoch und mal tief gehängt... Zwei zusammengestückelte, schmuddelig wirkende Kochinseln und drei derbe, lange Holztische auf Rollen stehen auf der Spielfläche bereit, als Vehikel für eine temperamentvolle Gruppe junger Wilder Fahrt aufzunehmen. Eine milchglasige Schwingtür ermöglicht Entrées und Abgänge. Krude Metallrohre und Kabelbündel an den Seitenwänden betonen das karge Ambiente. Auch für die Klamotten und Kostüme hat Gebhardt vorwiegend alltäglich bis billig aussehende Stoffe, Muster und Schnitte gewählt.
Es ist eine wahrlich nonchalante Interpretation der intellektuellen Herkunftssuche, die Sandroni mit seiner neuen Choreografie beantworten will. Sein kurzes Tanzstück würde viel besser ins informelle „Labor“ in der benachbarten stillgelegten Fabrik passen als auf die große Bühne des honorigen über hundertjährigen Theaters. Sandroni ergänzt Prousts These, indem er seinen Trumpf als Tanzmacher ausspielt: zusammen kochen und essen ist schön und gut. Aber zusammen tanzen ist besser. Am Ende begeistert die kleine internationale Truppe mit ihrem Folkloretanz zwischen Flamenco und Salsa. Und den ZuschauerInnen läuft das Wasser im Munde zusammen..... Ja! Schmecken! Riechen! Genießen! Mit FreundInnen! Das sind schönste Erinnerungen an Heimat und Jugend. unerfüllte Wünsche vielleicht auch für viele.
Nur die letzte Viertelstunde überzeugte die Leute, die gekommen waren, um Tanz zu sehen.