The Magic four im Köln, "Lindgens Lokschuppen"

Von der Leichtigkeit des Seins

Man durfte gespannt sein. 80 ist er mittlerweile, gleichwohl immer noch einer der ganz Großen der Pantomime. Vielleicht sogar der letzte mit Weltruhm: Milan Sladek, den der ideologische Winter nach dem unter Panzern erstickten „Prager Frühling“ einst ins Ausland getrieben hat.

Köln wurde 1970 seine neue Heimat, sein am Rhein im Jahr 1974 gegründetes „Theater Kefka“ das einzige feste Pantomimen-Theater Westeuropas. Innerhalb von neun Jahren gingen 45 eigene Produktionen über die kleine Bühne. Mit seinem 1976 ins Leben gerufenen „Gaukler-Festival“ machte der 1987 zum Professor an der Essener Folkwang-Hochschule ernannte Slowake, längst naturalisierter Deutscher, Köln und seine Bühne endgültig zum Mekka der Pantomime.

Nun lud er, drei Wochen vor der im „Slowakischen National Theater“ in Bratislawa geplanten offiziellen Uraufführung, zu einer „öffentlichen Generalprobe“ in seine Wahlheimat Köln. In einem alten Lokschuppen des Mülheimer Hafens brachte er das Publikum über The Magic Four zum Staunen. Über eine vierteilige Collage aus Pantomime und Maskenspiel, visuellen Szenen und einer eigens für das Stück von Wulfin Lieske komponierten Musik. Es ist sowohl eine Hommage auf die vier Temperamente wie auf die ebenfalls vier typischen Figuren der „Commedia dell‘arte“.

Gänzlich unspektakulär beginnt der Abend - mit der Verwandlung eines Mannes mit roter Clowns-Nase in den Künstler Milan Sladek. Ein kleiner Spiegel, Schminke, Pinsel. Der Alltagsmensch wird zum Künstler. Der Pantomime ist geboren, und aus der Schminkszene erwachsen lautlose, aber umso bilderreichere Welten. Nicht die der großen Gesten, sondern der kleinen. Ein Mensch gerät unter Menschen, schüttelt Hände, staunt, stolpert.

Mitreißende Szenen entstehen, durch nichts als durch Mimik, Handbewegungen und Gesten zu Bildern gerinnend. Kongenial, fast zurückhaltend, begleitet den Künstler der Pantomime ein Künstler an der Gitarre mit eigens für den Abend komponierter Musik. Wulfin Lieske gelingt dabei mehr als pure Begleitung: Er drückt das musikalisch aus, was wir sehen und uns vorstellen.

Nach ersten bekannten Bildern verschwindet Sladek hinter riesigen, fast mannshohen Masken. Sie stehen für wechselnde Charaktere: Den Sanguiniker kennzeichnet das Rot der Maske als feurig und heiter. Später stellt Sladek dieser Maske einen fast teuflisch wirkenden Mann in flammenden Rot und einer weißen Gesichtsmaske gegenüber. In Blau getunkt kommt der Phlegmatiker daher, miesepetrig und schwerfällig. Ein alter Mann ohne Energie. Der Melancholiker und der Choleriker ergänzen Sladeks Pantomimen-Quartett.

Ihr stellt er eine andere, aber ebenso grandios umgesetzte „Magische Vier“ gegenüber. Die vier Charaktere nämlich, die zum klassischen Personal der Comedia dell‘arte gehören: Pantalone taucht auf; dem Kaufmann folgt der Dottore, ihm der Harlekin. Und stets verwandelt Milan Sladek sie auf wundersame Weise.

Manchmal grotesk, dabei immer in fließende Bewegungen getaucht, durchzieht den ganzen Abend dabei eine tiefgreifende Poesie. Verbunden mit einer stets spürbaren Liebe zu den Menschen, die er mit seinen Pantomimen zum Leben erweckt. Und wenn er sich mit einer federleichten Gaze umgibt, sie in Wellen bewegt, sie um sich wehen lässt und sich mit ihr umwickelt, um zum Schluss unter ihr zu verschwinden, verweisen diese Spielszenen auf die ungebrochene Freude eines 80-Jährigen an der Kunst und dem richtigen Leben. Viel Jubel nach 75 Minuten zauberhaften Theaters.