Übrigens …

Delirious Night im PACT Zollverein, Essen

Veitstanz als modernes Heilmittel?

Vier kleine Podeste und ein paar Leinen mit bunten Glühbirnen, die an einfache Dorffeste erinnern, bilden die spärliche Bühnenausstattung. Ein paar Spruchbänder sind zu entziffern: „Wish I Was a Bird“, oder „Attitudes Passionnelles“. Letzteres bezieht sich auf eine fast 150 Jahre alte Fotoserie von Paul Regnard aus dem Hôpital de la Salpêtrière Paris, das im 19. Jahrhundert wohl die renommierteste psychiatrische Anstalt Europas war. Regnard stellte in zehn Fotografien extreme emotionale und körperliche Zustände einer Patientin aus, die an hysterischen Anfällen litt. Dazu gehörten Drohungen, Angstzustände, erotisches Flehen, Delirium und Ekstase. Die durchaus ästhetischen Bilder (abrufbar auf der Internet-Seite des Getty Museums Los Angeles) waren damals als medizinische Dokumentation einer Krankheit gedacht, werden jedoch längst aufgrund ihres inszenatorischen Charakters in Frage gestellt. In der Salpêtrière fanden zudem - heute ebenfalls schon unter Aspekten der political correctness kaum vorstellbar - regelmäßig die „bals des folles“ statt: Hysterie-Patienten und Menschen aus der Pariser Gesellschaft kamen auf Tanzveranstaltungen innerhalb des Krankenhauses miteinander in Kontakt.

Der Neurologe Jean-Martin Charcot, unter dessen Anleitung und Aufsicht die Fotografien entstanden und die Bälle stattfanden, stellte damals einen direkten Bezug zwischen den hysterischen Anfällen seiner Patienten und den Tanzwut-Phänomenen des Mittelalters, den sogenannten Veitstänzen, her: Menschen versetzten sich mit Hilfe von kollektiven Tänzen in Trance bis hin zum vollständigen Kontrollverlust. Gedeutet wird das auch als Reaktion auf krisenhafte Situationen wie Hunger, Pest oder kriegerische Auseinandersetzungen. Viele tanzten unter Tiermasken oder verkleideten sich mit Teufels- oder Totenköpfen, um die Dämonen, die sie bedrohten, zu bannen. Hier setzt die dänische Choreografin Mette Ingvarsten mit ihrer neuen Choreografie Delirious Night an.

Denn krisenhafte Zeiten haben wir auch heute. Krankhafte Hysterie sollte das nicht auslösen. Aber Ingvartsen und ihre neunköpfe Gruppe von Performerinnen und Performern untersuchen, inwieweit kollektiver Rausch noch heute eine Antwort auf eine überfordernde, krisengeplagte Gegenwart sein könnte. Tanz als Heilmittel - auch das ist eine mittelalterliche Praxis. Delirious Night heißt Ingvartsens Performance - im Singular: Mutmaßlich betrachtet die Choreografin den Rausch nicht als permanent einzunehmende Medizin gegen Krisen, sondern als gelegentliches Mittel, der Krise etwas entgegenzusetzen: mit Hilfe von ekstatischen Dorffesten, Maskenbällen, hochenergetischem Tanz und wirbelnder Musik in einer Nacht, in der alle Regeln des täglichen Miteinanders außer Kraft gesetzt sind. Das, was sich bei der Deutschen Erstaufführung auf der Bühne des Choreografischen Zentrums PACT Zollverein abspielt, erinnert manches Mal an Praktiken des Exorzismus. Und ist damit doch wieder bei den Ritualen des Mittelalters.

Tatsächlich sind es archaische Bilder, die Ingvartsen auf die Bühne bringt. Währenddessen erzeugt der australische Perkussionist Will Guthrie mit einem sagenhaften Schlagzeugwirbel zu gleichzeitigen unangenehm in den Ohren schmerzenden Kratzgeräuschen einen modernen, oft nervenzerfetzenden Klangteppich, der sich ebenfalls zur Ekstase steigert. Mit gruseligen Tiermasken, golden oder silbern verkleideten Gesichtern oder Totenköpfen kommen die Performerinnen und Performer aus dem Off, beginnen mit rhythmischem Klatschen und zunächst langsamem, aber unaufhaltsam sich steigerndem Stampfen und steigern sich zu ekstatischen, an die Grenze der körperlichen Leistungsfähigkeit gehenden Tanzbewegungen. Sie stoßen spitze Schreie aus, imitieren ohne Furcht vor Hässlichkeit Tiergeräusche und -bewegungen, haben auch schon mal clowneske Szenen („Clownismus“ mit akrobatischen, bizarren Bewegungen gehörte ebenfalls zu den Stadien der „Grande Hystérie“ nach Doktor Charcot), wirbeln wie die Tanzenden Derwische von Konya und zitieren Bilder von Totentänzen. Die Wesen, die da tanzen, haben irgendwann kaum noch menschliche Züge: Wenn die ausgelaugten, erschöpften Körper den Dienst zu versagen drohen, bleibt das Animalische - so zumindest lautet die Interpretation mancher Tanzkritiker.

Rebellion will Ingvartsen mit diesem entäußerten Tanz ausdrücken. Das gelingt nur bedingt: Dazu sind die Bilder denn doch zu mittelalterlich-rückwärtsgewandt. Doch nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer, auch das Publikum wird irgendwann von den eigentlich schmerzhaften Klängen und den unablässigen Bewegungen mitgerissen und ins Delirium versetzt. Was will man mehr, zumal am Ende des nächtlichen Rausches so etwas wie Befriedigung, besser vielleicht: Befreiung steht. Der kollektive Rausch hat zum Widerstand gegen die Zumutungen des Alltags geführt. Und das Publikum ist es zufrieden.