Übrigens …

Die Schwäne im Theater Münster

Odette und ihr Pullunder-Prinz

Wie schön, dass sie aus ihrer alten Welt aus- und aufbrechen kann, um Siegfried zu heiraten, den geliebten Mann. Wie schade aber, dass dieser Prinz sich als Pascha im Pullunder entpuppt, der sich von Gattin Odette das Essen zubereiten lässt, der mit den Kumpels abhängt und mit dieser Schwarzhaarigen herummacht. Nicht gerade das Märchen, das sich Odette erträumte.

Odette, die verzauberte Prinzessin aus Tschaikowskys berühmtem Schwanensee-Ballett, ist die klare Hauptfigur in Lillian Stillwells Variante nach einem Libretto Claus Spahns, die das Theater Münster unter dem Titel Die Schwäne präsentiert. Zugleich ist sie eine Figur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was nicht nur die putzig-schönen Kostüme Uta Meenens zeigen. Denn sobald Odette mit Zigarette im Mundwinkel zur Schreibmaschine greift und ihren Schwanentraum literarisch zu Papier bringt, erscheint sie als Wiedergängerin Ingeborg Bachmanns, deren Texte zum Zaubermärchen Undine in der Aufführung erklingen. Und der erste Schwan, der ihr erscheint, ist ein kraftvoller Kerl in erdigen Farben unter dem Tutu.

Klar, dass Münsters Tanztheater nicht mal eben auf klassisches Ballett machen würde: Tschaikowskys üppige Partitur wurde beherzt gestrafft, die Handlung auf realistische Füße gestellt, und die Fußspitzen der Tänzerinnen gehören eher zum Zitatrepertoire der Choreografie. Nicht selten werden klassische Elemente verwendet, die in eine moderne Körpersprache münden - bis hin zu den pantomimischen Aktionen des dritten Akts mit seinen Szenen einer Ehe. Ironie hat ihren Platz, wenn etwa die vier kleinen Schwäne nicht nur neckisch tanzen, sondern auch ihr Jungvögel-Gekrächze anstimmen. Die im Programmheft angesprochenen „makellos synchronisierten Bewegungen“ der klassischen Vorbilder werden zwar aufgegriffen, feiern aber zugleich die Verschiedenartigkeit der bis zu elfköpfigen Gruppe von Tänzerinnen und Tänzern, die später auch ihr „Gefieder“ ablegt.

Das Bühnenbild Ben Baurs wechselt in beiden Hälften des rund zweistündigen Abends von der Enge der bürgerlichen Wohnstube zur stimmungsvoll ausgekleideten Naturszene, deren Farben später die grünliche Stimmung der in den Texten wiedergegebenen Wassermetaphorik spiegeln. Selbst der große optische Effekt der Befreiung am Schluss wirkt stimmig. Odette hat sich zu diesem Finale in einen wahren Furor getanzt - womit die Solistin Melina Solkidou in der Premiere zum Gipfel ihrer fabelhaften Ausdruckskraft gelangt. Für die unterschiedlichen Facetten, mit denen sie die Hauptfigur ausstattet, erntet sie einen großen Teil des lang anhaltenden Beifalls. Sebastian Villa repräsentiert als einer von vier Siegfried-Darstellern die Klasse des Ensembles. Die Begeisterung des großen Publikums im Großen Haus schloss sehr nachdrücklich das Sinfonieorchester Münster ein: Unter der Leitung Henning Ehlerts schuf es mit Tschaikowskys ohrwurmsatten Klängen eine hinreißende Grundlage für Lillian Stillwells Tanzabend.