Die Menschen haben selten die Kraft, dauerhaft allein dazustehen
Eugène Ionescos Drama (1958) Die Nashörner beschreibt, wie sich die Mitglieder einer fiktiven Gesellschaft nach und nach alle in Nashörner verwandeln. Ein eindrucksvolles Bild dafür, wie gesellschaftlicher Druck die Individualität untergraben kann mit dem Ziel, alle dahin zu bringen, ohne Reflexion einer bestimmten Ideologie zu folgen. Die Uraufführung des Stücks Die Nashörner fand 1959 im Schauspielhaus Düsseldorf statt. Mit der klugen Neuinszenierung von Selen Kara erweist sich seine nach wie vor brennende Aktualität. Dieser Klassiker des absurden Theaters zeichnet ein erschreckendes Bild von Mitläufertum und kollektiver Dynamik. Ionesco verarbeitet darin seine eigenen Erfahrungen in den 30er Jahren, als sich der Faschismus in Europa ausbreitete.
Im Stück verwandeln sich die Menschen in einer Kleinstadt nach und nach in Nashörner. Schon bald nach dem Auftreten des ersten Nashorns werfen sie ihre ursprünglichen Ansichten schnell über Bord.
Zu Beginn des Abends sehen wir einen beschaulichen Marktplatz mit einem Café und einem Laden. Drei hellblaue Häuserfronten bilden eine harmonische Kulisse. Tische und Stühle laden zum Verweilen ein. Hier lernen wir Bérenger und seinen Freund Jean kennen. Schnell wird die Stimmung spannungsgeladen, kritisiert der stieselige Jean doch seinen Freund in aggressiver Weise. Plötzlich galoppiert ein Nashorn vorbei. Man hört nur das Getrampel. Die Passanten diskutieren Petitessen (hatte es ein Horn oder zwei?), nicht aber das Auftauchen des Tieres an sich. Im 2. Akt – die Drehbühne zeigt uns zwei Büroräume – debattieren die Mitarbeiter des Büros das nun immer häufigere Auftauchen von Nashörnern in der Stadt auf unterschiedliche Weise. Mademoiselle Dudard versucht es mit Rationalität, Daisy reagiert mit Besorgnis. Bérenger besucht Jean, um ihn an ihre gemeinsame Vergangenheit zu erinnern. Vergeblich. Im 3. Akt gibt es fast nur noch Nashörner in der Stadt. Man sieht sie nie, aber das bedrohliche rumpelnde Getrappel wird immer lauter. Bérenger sieht sich allein gelassen und muss erkennen, dass nur Menschlichkeit der einzige Weg zum Widerstand gegen eine kollektive Verblendung sein kann.
Der Regisseurin gelang eine überzeugende Inszenierung, die ein auch gerade heute aktuelles Thema aufgreift. Denken wie nur an die Diskriminierung von Minderheiten oder an den desaströsen Umgang mit Wissenschaften (siehe Trumps Maßnahmen in den USA) Ganz zu schweigen von Vokabeln wie „Remigration“ und „Brandmauer“, die sich immer mehr in unserem Wortschatz etabliert haben. Heiko Raulin als Bérenger steht zweifelsohne im Mittelpunkt, er verzweifelt angesichts der drohenden Gefahr. Jean (Sebastian Tessenow) dreht schnell sein Fähnchen nach dem Wind. Florian Lange als selbstgerechter, schwadronierender Logiker beschert durchaus komische Elemente. Claudia Hübbecker gibt überzeugend die dominante Bürochefin und Fnot Taddese ist einmal die freundliche Café-Inhaberin, dann die rationale Mademoiselle Durand. Bérengers Freundin Daisy (Sophie Stockinger) ist zunächst skeptisch, dann aber ob der zunehmenden Anzahl von Nashörnern verunsichert.
Zum Ende stehen im Publikum zahlreiche Personen in Grau auf und gehen zur Bühne, wo sie auf- und abmarschieren. Ein sehr überzeugendes Bild zum Abschluss des Abends. Bérenger bleibt nur noch zu sagen: „Ich gebe mich auf.“
Das Publikum applaudierte lange und begeistert dem Regieteam und dem sehr guten Ensemble, auch Bravorufe waren zu hören.