Übrigens …

Menschliches Repertoire im Oberhausen, Theater

Abgang von der Bühne der Menschheit

Nicht selten sterben Figuren auf den großen Bühnen des Theaters, früher oder später gehen sie dann ab in den Backstagebereich. Genau dort spielt Noah Haidles Stück Menschliches Repertoire, mit dem feinen Unterschied, dass dort nun wirklich all jene eintreffen, die sterben. In diesem Limbus findet sich nicht jeder mit seinem Schicksal ab, hat man doch auf der Bühne der Menschheit seine Geliebten, seine Arbeit, sein Schaffen, alles, was einen ausmacht, gelassen.

Dramatiker Noah Haidle arbeitete schon viele Male mit der Regisseurin und Intendantin des Theater Oberhausen, Kathrin Mädler, zusammen. Menschliches Repertoire schrieb der gebürtige Amerikaner als Auftragswerk, wobei ihm jegliche Freiheit zur Themenauswahl gewährt wurde und ihm zusätzlich das gesamte Ensemble zur Verwirklichung des entstehenden Werks zur Verfügung stand.

Demzufolge setzt Haidle passend zur derzeitigen Sanierungslage am Theater Oberhausen sein Stück in ein baufälliges Theater. Das Publikum sitzt dabei auf der Bühne, in der Mitte klafft ein dunkler Abgrund aus dem Boden, der von zwei großen, beweglichen Leuchtringen in Szene gesetzt wird. Die Show “Menschheit” läuft nicht gut und die Bühnentechniker Hollis und Bellamy haben alle Hände voll zu tun, das Haus auf Vordermann zu bringen. Förderlich sind die immer häufiger auftretenden Scharen neuer Verstorbener dabei nicht. “Glückwunsch, ihr seid erwacht aus der Illusion einer persönlichen Identität.”, so werden die Neuankömmlinge stets begrüßt bevor ihnen entweder der Weg zur Toilette oder der Kantine, mit Getränken, süßem Gebäck und Gurkensandwiches gewiesen wird. Aber nicht jedem fällt es leicht, einfach ab zu gehen, sowohl sinnbildlich als auch wortwörtlich. Samantha, Lloyd und Roxanne bleiben aus unterschiedlichen Gründen im Backstagebereich und weigern sich, dem Schlund in der Mitte der Bühne, aus dem sie zuvor gekrochen sind, den Rücken zu kehren. Lloyd will über seinen Sohn wachen, ihn trotz seines Todes nicht allein lassen. Roxanne hingegen wartet auf ihren Geliebten Dalton, wollten sie sich doch nacheinander erschießen und gemeinsam ins Jenseits gehen. Samantha verfolgt ein anderes Ziel, sie will die ominöse “Direktorin” sprechen. Gemeinsam mit den Bühnentechnikern Hollis und Bellamy widmet sich die Gruppe ihren persönlichen Vergangenheiten, Traumata und Schicksalen. Und dann geschieht es: “Die Direktorin setzt das Stück ab.”

Haidle greift dabei eine Vielzahl von Themenkomplexen auf, darunter große Motive wie Trauer, Verlustängste, Entbehrlichkeit und Liebe, aber auch konkretere Themen, wie Amokläufe, Zwangsprostitution, Suizid, Sucht und Naturkatastrophen. Das Stück versteht sich dabei aber nicht als Dystopie, sondern als Plädoyer für die Menschheit. Und doch will die “Direktorin” das “Stück” absetzen, es stellt sich also allen die Frage: “Warum ist die Menschheit es wert, weiter zu existieren?”

Als legitimes Mittel, um dieser vermeintlichen Schwere entgegenzuwirken, wird wie so oft auf Humor gesetzt. Neben witzigen Kostümen von Franziska Isensee liefert das Ensemble dafür pointierte Dialoge, die stark an jene amerikanischer Sitcoms erinnern und teils für die Handlung völlig irrelevante Inhalte - wie das Wechseln von Druckerpatronen - behandeln. Dass bedrückende Themenkomplexe gern mit lustigen Elementen aufgelockert werden, ist ein heute häufig zu beobachtender Trend, aber auch in Kathrin Mädlers Inszenierung erweist sich diese Bewegung als nicht nur wenig zuträglich für die Ernsthaftigkeit des Stücks, sie scheint auch wegen ihrer aufgesetzten und affektierten Art beim Publikum kaum zu zünden.

Auch sonst bietet das Stück wenig Raum, tiefergehende Wirkung zu entfalten. Zwar befasst sich das Werk mit einer Vielzahl bewegender Themen, beschränkt sich dabei aber darauf, diese in den persönlichen Geschichten der Figuren anzusprechen, ansonsten aber nicht weiter zu behandeln. Dabei gäbe es in etwa zweieinhalb Stunden definitiv Zeit dafür, wenn man diese nicht mit mehreren (Karaoke-) Gesangseinlagen, Luftgitarreneinsätzen und anderen Comedy-Elementen füllen würde. Gelegenheit für Kitsch und Pathos gibt es aber trotzdem, in diesem Sinne darf ein Happy-End natürlich auch nicht fehlen: “Liebe rechtfertigt die menschliche Existenz.”, die “Show” darf weitergehen und das Ende der Welt wurde abgewendet. Am Ende gibt es Musik, Luftballons, Konfetti und Gurkenschnittchen für alle - auch für das Publikum.

Kathrin Mädler nutzt die Sanierung ihres Hauses charmant und sorgt trotz aller Umstände insbesondere mit der Bühne von Franziska Isensee und dem geschickten Lichtkonzept von Alexandra Sommerkorn für ästhetische Bilder, die allerdings nicht ausreichen, Haidles dünnes Werk suffizient stützen zu können. Und das, obwohl das Konzept des Stücks nicht nur kreativ und interessant ist, sondern theoretisch auch den Raum eröffnen würde, die antizipierten Themenkomplexe adäquat zu behandeln. Leider ist dies weder inhaltlich noch künstlerisch gelungen.