Zwischen allen Stühlen
Im Roman Kangal von Anna Yeliz Schentke wird Kangal als Tarnname verwendet, genauer lautet der Tarnname Kangal1210. Kangal ist ein Hund, der in der Türkei als Hütehund für Schafe eingesetzt wird. Er wird also auch Wölfe angreifen, wenn sie „seine“ Herde bedrohen. Im Bielefelder Theater am Alten Markt ist jetzt eine Dramatisierung dieses Romans zur Uraufführung gekommen, die aufregend ist, die nachdenklich stimmt.
Was wissen wir über die Türkei? Man kann dort gut Urlaub machen. Ja gut, das Land wird autoritär regiert, aber an der türkischen Riviera spürt man das doch gar nicht. Natürlich nicht. Aber in den Tageszeitungen und Nachrichten hört bzw. liest man immer wieder, wie autoritär dieses Land regiert wird, von vollen Gefängnissen, von willkürlichen Verhaftungen, von Folter. Von der Angst davor im Alltag der türkischen Bürger erzählt dieses Drama.
Dilek hat sich entschlossen zu fliehen. Ihr Lebensgefährte Tekin steht vor ihrem leeren Kleiderschrank und weiß von nichts. Weder wann sie gegangen ist, noch wohin. Der Grund für die Flucht: ein Bekannter Dileks ist verhaftet worden. Sie weiß nicht, ob er ihre Internetidentität – Kangal1210 – preisgegeben hat oder nicht. Das wird sich bei der Passkontrolle am Flughafen entscheiden: Bekommt sie ihn zurück, ist sie den Behörden noch unbekannt. Das soll auch möglichst so bleiben. Denn auch in Deutschland, das weiß Dilek, könnte sie denunziert werden. Schließlich leben in der größten türkischen Gemeinde außerhalb der Türkei sehr viele Erdogan-Wähler. Nach der Landung in Deutschland schickt Dilek ihrer Kusine Ayla eine Mail: „Ich bin hier“.
Es beginnt allerdings mit dem Video einer Verhörsituation auf Türkisch mit deutscher Übersetzung. Der Verhörende möchte Namen wissen, der zu Verhörende – Tekin – gibt keinen Namen preis. Ironie(?) des Schicksals: Die kämpferische Internetidentität ist zwar nicht enttarnt, aber trotzdem ohnmächtig. Und in Deutschland lauert ein gefährlicheres Wolfsrudel als in Ostanatolien: Die Grauen Wölfe.
Szenenwechsel mit Überraschung: Dilek (Gamze Senol), Ayla (Güzide Çoker) und Tekin (Faris Yüzba?io?lu) treten grundsätzlich solo auf. Dilek und Ayla sind zwar miteinander verwandt, aber sie könnten sich nicht fremder. Ihre Mütter hatten sich entzweit, Aylas Familie ging nach Deutschland, Dilek blieb mit ihrer Mutter in der Türkei. Und während Dilek aus der Entwicklung in ihrer Heimat nach den Protesten um den Gezi Park 2013 und dem Putsch 2016 Konsequenzen zieht, lebt Ayla in Deutschland mehr oder weniger traditionell. Aber auch sie lebt in Unsicherheit. Sie hat sich von ihrem Verlobten getrennt, nachdem er sie zum zweiten Mal geschlagen hat. Was in der Familie immer noch nicht gutgeheißen wird. Wie also sollen oder können sich die beiden verstehen? Ayla fehlt der Rückhalt der Familie, Dilek hat nicht einmal diesen. Kommt dazu, dass sie nicht weiß, wem sie hier – in Deutschland – vertrauen kann. Ist nicht vielleicht der Sprachlehrer für Deutsch ein Spitzel? So erzählen die Kusinen ihre Geschichte der Verunsicherung. Tekin wiederum sitzt auch zwischen allen Stühlen. Er weiß nichts mehr von Dilek, wird bedrängt von der Staatsgewalt.
Das Bühnenbild von Regisseur Caner Akdeniz, der auch für die Videoaufnahmen zuständig ist, spielt eine besondere Rolle. Es besteht aus einer beweglichen Wand im Format des Bühnenrahmens. Je nach Bewusstseinszustand der zwei Schauspielerinnen und des Mannes verschiebt sich die Wand von ganz hinten bis nach vorn, ganz nah an den Bühnenrand. Die Luft zum Atmen bzw. der Raum zum Handeln wird zwischendrin sehr eng.
Gamze Senol, Güzide Coker und Faris Yüzbasioglu gelingt es in ihren Auftritten, die Verzweiflung, die Unsicherheit, die daraus resultierende Überspannung, ihre Unfähigkeit sich auf andere einzulassen intensiv und sehr überzeugend darzustellen. Die pausenlosen 90 Minuten sind für alle ein parforce-Ritt durch Gefühle und Situationen. Das Publikum gab nicht enden wollenden Beifall und stehende Ovationen - zu Recht.