Viel Komik, wenig Gemetzel
Konflikte können so einfach beginnen: Das eine Kind schlägt dem anderen mit einem Stock nach einer Beleidigung zwei Zähne aus und schon sitzen die Eltern besagter Kinder an einem Tisch und sehen sich mit ganz anderen Spannungen konfrontiert. Eigentlich sollten bei Kaffee und Kuchen nur die Versicherungsfragen des Falls geklärt werden, schnell keimen bei den beiden Elternpaaren aber ganz andere Themen über Schuld, Ehe, Verantwortung und Moral auf und der Kinderstreit dient nur noch als loser Rahmen für viel tiefer gehende Probleme der eigenen Psyche und zwischenmenschlichen Beziehungen.
Wer Yasmina Rezas Stück nicht kennt, würde bei dem Titel Der Gott des Gemetzels wohl kaum an eine Komödie denken, dabei ist es genau das. Die Werke der französische Schriftstellerin gehören zu den meistgespielten zeitgenössischen Stücken weltweit und das hat seinen Grund; Reza dringt mit ihren Stücken auf subversive und charmante Weise in den Zeitgeist ein und skizziert lieber mit scharfer Komik, als mit erhobenem Zeigefinger sowohl Problematiken der Gesellschaft, als auch eines jeden einzelnen. So auch in Der Gott des Gemetzels: zwei Elternpaare entdecken bei der Klärung eines Kinderstreits verschiedenste Unzulänglichkeiten an sich selbst, aber auch gesellschaftliche und interpersonnelle Diskrepanzen und fechten diese mit viel klugem Humor in immer neuen Dynamiken aus.
Die Bühne dafür bietet auch das Theater Bonn und verlegt den Konflikt aus Frankreich direkt in die eigene Stadt. In der häufig erwähnten Poppelsdorfer Allee wird aus Véronique Veronika, aus Michel Michael, Alain wird zu Andreas und nur Annette darf ihren Namen behalten und büßt lediglich die französische Aussprache ein. In einer sehr geschmackvoll eingerichteten Wohnung, die von Neonröhren begrenzt wird, verlieren auch die Paare in Bonn zunehmend ihre Hemmungen und ihren Anstand. Hausregisseur Simon Solberg stützt seine Inszenierung besonders auf den Umstand dieser zunehmenden Dissolution. Dafür findet Solberg zunächst auch passende Mittel; anfängliche Spannungen, in Momenten, in denen die Situationen zu eskalieren drohen, werden mit düsterem Wummern untergelegt, Videoprojektionen setzen in Kombination mit dem Licht der prägnanten Neonröhren entsprechende Stimmungsimpulse und die Bühne wird mit Fortschreiten der Konflikte zunehmend abgebaut, bis die Figuren nicht mal mehr “vernünftig” zusammensitzen können und dem allgemeinen Chaos unterliegen.
Trotz der Ernsthaftigkeit der Themen will Solbergs Inszenierung aber auch den humoristischen Aspekt des Werks nicht vernachlässigen und setzt daher auch einen großen Fokus auf die Komik. Dabei wird allerdings nicht nur auf Rezas kessen und teilweise zynischen Witz gesetzt, er wird zusätzlich mit diversen eigenen Ideen überladen. Darunter finden sich neben dem omnipräsenten Lokalkolorit diverse stark überzeichnete Reaktionen, wie man sie aus alten Sitcoms kennt. Auch der ausgesetzte Hamster Knusperinchen hat im Maskottchenkostüm diverse Auftritte und der Höhepunkt der Komik liegt wohl in Annettes Übelkeits-Szene, in welcher sie wortwörtlich mehrere Eimer Erbrochenes über ihren Gatten Andreas ergießt - das ist leider nicht lustig, allenfalls eklig. Auch sonst wirkt der Einsatz aller komischen Elemente eher aufgesetzt und übertrieben, schließlich bietet der Text ohnehin schon eine Menge zu lachen. Dieser ursprünglich intelligente Witz fällt der forcierten Manier der Inszenierung aber zum Opfer und verliert dadurch oftmals seine Wirkung.
Aber nicht nur Rezas Humor leidet am überfrachteten Einsatz komisch intendierter Mittel, sondern auch der subtile Inhalt des Werks. Dahingehend wirken zudem Bezüge und Erwähnungen derzeitiger Debatten - wie der Klimakrise, dem Stadtbild oder Kapitalismus im Allgemeinen (mit dem kontextlosen Schriftzug EAT THE RICH an einer Wand) - gänzlich deplatziert in einem zeitgenössischen Stück, dass sich primär mit interpersoneller Identität beschäftigt. Solbergs Inszenierung schafft es, die Essenz des Werks fast vollkommen in eigener, aufgesetzter Komik zu ersticken und bietet dadurch kaum noch Raum für den ernsthaften Diskurs der Inhalte.
Der Abend wird damit auf die zunehmende Zügellosigkeit der Figuren reduziert, die das Ensemble mit entsprechendem Elan zur Geltung bringt. Dabei kreiert Solberg durchaus ästhetische Bilder und liefert zu Beginn einige spannende Ideen, die aber leider unter aller Übertriebenheit der altbackenen, überzogenen und teilweise schlicht unnützen Komik untergehen. Wer sowas allerdings witzig findet oder darüber lachen kann, wird einen kurzweiligen Abend genießen.