Übrigens …

Die Wurzel aus Sein im Theater Münster

Ich liebe dich, weil ich dich liebe

Die Familie will und muss weg aus dem Libanon, der 1978 durch herrschenden Bürgerkrieg immer weiter zerstört wird. Doch wohin geht es? Visa sind vorhanden für Frankreich und Italien. Paris oder Rom? Diese Frage ist die Basis, die der in Paris lebende Autor Wajdi Mouawad aufgreift, um gedanklich durchzuspielen, welche Entwicklungen im Rahmen der Möglichkeiten gelegen hätten, wenn die Flucht an unterschiedlichen Orten geendet wäre. Was wäre wenn? Mouawad entwickelt um Talyani Waqar Malik - vermutlich sein fiktives Alter Ego - und dessen Familie vier Szenarien an vier Orten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. In Rom, Texas und Montreal endet die Flucht. Außerdem wird erzählt, was in Beirut passieren könnte, hätte der Exodus nie stattgefunden.

Die Rahmenbedingung ist immer gleich: Die Malik-Geschwister Nabil, Layla und Talyani müssen sich mit dem nahenden Tod ihres Vaters auseinandersetzen. Layla ist nach dem frühen Tod der Mutter so etwas wie deren Ersatz für ihre Brüder. Sie kümmert sich um ihren Vater und versucht die Familie zusammenzuhalten. Elzemarieke de Vos spielt sie unglaublich realitätsnah: Mal ist ihr zum Haareausrupfen, mal hat sie Haare auf den Zähnen. Sie ist zäh, gibt nicht auf und verzweifelt manchmal am sturen Vater, manchmal an ihren Brüdern, die sich lieber raushalten und ihr eigenes Ding machen. So oder ähnlich kennen wir doch alle familiäre Situationen, oder? de Vos hält uns da einen Spiegel vor. Nabil hält sich fern vom Geschehen, taucht nur auf, wenn es sein muss - ein konfliktscheuer Typ, den Artur Spannagel äußerlich cool, aber zutiefst berührend unsicher zeichnet, wenn er Emotionen an sich heran lässt.

Regisseur Moritz Sostmann erweist sich als virtuoser Dirigent der verschiedenen Handlungsorte. Er schafft fließende Übergänge, die das Publikum nie irritieren. Alle wissen immer, wo sie sind. Puppen werden in die Handlung integriert, lockern das Geschehen auf, schaffen aber auch in den Szenen neue, faszinierende Handlungsebenen. Franziska Rattay und Maximilian Teschemacher tragen durch intensive Sprache dazu bei, dass die Grenze zwischen Puppen und Menschen sich auflöst und alle sich zu einer umfassenden Einheit verbinden. Darüber hinaus glänzt Rattay als minderjährige Prostituierte. Johannes Benecke gibt mit gebrochener Stimme Vater Malik, der sterbend noch bereit ist zu lernen und neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Nur einige stoffbespannte Stellagen als Spielortbegrenzung benötigt Klemens Kühn und ganz wenige Requisiten, um einen passenden Rahmen zu gestalten. In diesem dreht Sostmann immer schneller am Handlungskarussell bis die Szenen sich ineinander zu verschränken beginnen. Doch immer lässt er genügend Zeit, dass sich angesprochene, gravierende Problemkreise wie Homophobie und Sterbehilfe sich setzen und wirken können. Die Umsetzung eines solchen Konzepts bedarf eines sehr wandelbaren Ensembles. Für dieses steht Daryna Mavlenko an diesem Abend besonders: Ihre bigotte, evangelikale Astrid gelingt - mit Verlaub - zum Kotzen stilecht. Andererseits zeichnet Mavlenko ganz zart die verwundete Seele Hananes, die ihren Vater zum Inzest verleitet, um endlich seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Aber was ist jetzt eigentlich mit Talyani? In Beirut geblieben, versucht er trotz unendlicher Müdigkeit, Zuversicht zu verbreiten und macht sich Mut, zum wiederholten Mal neu anzufangen nach der großen Explosion im Hafen. Doch seine Worte mögen nicht recht überzeugen. Es sind seine Kinder, die die Hoffnung weiter tragen: Sie laden alle im Ausland lebenden Verwandten zu einer Feier nach Beirut ein. In Texas wird Talyani als Doppelmörder zum Tode verurteilt. Johannes Benecke mit seiner Puppe gibt einen Menschen, der mit seinem Leben abgeschlossen hat. Als Baby hat Wyoming den Mord Talyanis an seinen Eltern überlebt und ihm so ein Weiterleben ermöglicht. Wird er sich von ihm überzeugen lassen, ein Gnadengesuch zu stellen? Da sind Zweifel angebracht.

In Rom wurde Talyani zu einem begnadeten Neurochirurgen. Der ist fachlich ein Ass, menschlich aber ein sehr unangenehmer Typ, der seine Kinder nie sehen wollte, sich während eines Kongresses eine Prostituierte aufs Zimmer bestellt, die er anschließend in seinem protzigen Sportwagen zu Tode fährt. Auch der Tod seines Vaters lässt diesen Unsymp einfach ungerührt.

Am Nächsten ist dem Autor sicher der Talyani in Montreal. Der ist ein bildender Künstler und hat sich und seine Arbeit bisher von seinem Vater ferngehalten, um sich nicht mit dessen Urteil auseinandersetzen zu müssen. Auch seinen Partner hat er der Familie bisher verschwiegen. Einfühlsam und höchst sensibel verkörpert Alaaeldin Dyab diesen Talyani, der am Ende bereit ist, Brücken zu überschreiten, Trennwände einzureißen und sich dem Vater zu nähern.

Autor Wajdi Mouawad und Regisseur Moritz Sostmann singen packend und zu Herzen gehend ein „Hohes Lied der Liebe“. Das Publikum ist hingerissen.