Das fatale große Los
Claire ist sauer. Besser gesagt: Sie kann nicht fassen, was sie da gerade erfahren hat. Offenbarte Ehemann Richard ihr doch, dass er einen gewaltigen Lottogewinn nicht angenommen hat. Der eher erfolglose Architekt glaubt, dass das große Los von 162 Millionen Euro ihn und seine Lieben unglücklich machen würde. Was seine Frau, seine Mutter und sein befreundeter Brötchengeber etwas anders sehen.
Während also Mutter Rose und Freund Etienne durch die Wohnküche der kleinen Dachgeschosswohnung toben, um Richard noch zur Besinnung zu bringen, pfeffert Claire wie von Sinnen den Salat fürs gemeinsame Essen aus der Tüte in die Schüssel. Die Schauspielerin Rosana Cleve tut das auf der Bühne des Wolfgang-Borchert-Theaters in Münster mit einer solch brutalen Inbrunst, dass das Publikum auch um das Schicksal ihres Gatten fürchten muss. Und wenn später dunkle Gedanken bei den drei Fassungslosen aufkeimen, betont Claire zwar: „Wir sind ja keine Monster!“ Aber auf Rosana Cleves Gesicht spiegelt sich pure Mordlust.
Nein zum Geld! heißt das Stück der französischen Autorin Flavia Coste, in dem rund um den verschrobenen Idealisten Richard die emotionalen Dämme brechen. Mutter Rose etwa, schrill gespielt von Katharina Hannappel, sucht als nur oberflächlich lustige Witwe nach einem Partner und krankt an den Folgen einer tragisch verlaufenen Zwillings-Schwangerschaft. Der ach so lockere Etienne gesteht angesichts des greifbar nahen Geldes, dass er sich in Wahrheit längst verzweifelt nach der Decke streckt und seinen Freund immer geschützt hat: Gregor Eckert gibt ihn mit forcierter Schnoddrigkeit. Lehrerin Claire schließlich muss als junge Mutter auch noch fürs Familieneinkommen sorgen, weil ihr Gatte das nicht schafft. Wenn sie sich angesichts der neuen Lage mit ihrer Schwiegermutter fetzt, weil beide einander die Schuld an Richards gepamperter Lebensweise vorwerfen, zeigen sich Urkonflikte, über die man bislang hinweglächelte.
Autorin Coste hat diese vertraut anmutenden Probleme in eine Komödienhandlung gepackt – und Regisseurin Andrea Krauledat spart nicht an satten Boulevard-Späßen. In der passgenauen Ausstattung Tom Grasshofs geht es deftig, bisweilen auch derb zur Sache, die Gürtellinie wird auch mal unterschritten. Nach der Pause der gut zweieinviertel Stunden langen Aufführung gibt es das große Fressen eines verbrannten Hähnchens, und Songs wie „Money makes the world go around“ oder „No matter what“ sorgen, vom Ensemble mit großer Spielfreude dargeboten, für eine Premierenstimmung, die trotz tragischer Schlusspointe in „Zugabe“-Rufe mündete – die gab es dann auch. Keine Frage: In dieser Inszenierung sind die Lach-Effekte weitaus wirkmächtiger als der ernste Hintergrund und das Schreckensbild des Finales. An die Raffinesse eines Yasmina-Reza-Stücks denkt man besser nicht.
Schauspieler Florian Bender als schluffiger Richard aber, dessen Lottoschein doch noch eine Rollte spielt, ohnehin eine fabelhafte Besetzung. Dass er aber die Premiere trotz einer gravierenden Verletzung rettete und selbst mit Krücke hinreißend über die Bühne tänzelte, sicherte ihm die besondere Zuneigung des Publikums.